Von der Sprache zur Schrift

Wie entstand Sprache ?

Unter den etwa 20 000 menschlichen Genen ist ein Gen besonders berühmt, das Sprachgen FOXP2.

Den Menschen unterscheidet vom Schimpansen nur seine Wortsprache! Seit seiner Entdeckung im Jahr 1998 ist bekannt, dass das auch bei Vögeln und Primaten anzutreffende Forkhead-Box-Protein P2 (FOXP2) beim Spracherwerb, einschließlich grammatikalischer Fähigkeiten, eine entscheidende Rolle spielt. Dieses Gen soll infolge Mutation vor einigen 100.000 Jahren zur Entwicklung der menschlichen Sprache geführt haben. So lautet die Theorie. Ein 1983 in Israel gefundenes Neandertaler-Zungenbein belegt, dass bereits diese Vorfahren des modernen Menschen Laute von sich geben konnten; dies wurde durch genetische Untersuchungen bestätigt: Neandertaler besaßen eine Variante des Sprachgens FOXP2. Ob die Neandertaler schon grammatische Strukturen beherrschten, ist nicht bekannt. Die Entwicklung der Sprache wurde letztendlich auch durch den aufrechten Gang ermöglicht: Durch diesen konnte der Rachenraum sich vergrößern, der Kehlkopf nach unten wandern und sich Stimmbänder ausbilden. Bei den höheren Primaten ist bereits kommunikatives Verhalten, aber Informationsvermittlung noch kaum vorhanden. In Gefangenschaft geborenen Menschenaffen konnten jedoch in mehreren Fällen die Verwendung von Gebärdensprachen sowie die Zeichensprache Yerkish beigebracht werden.

Die eigentliche Entstehung der Sprache ist für Sprachforscher immer noch ein ungelöstes Rätsel. Vielleicht kann die Bibel weiterhelfen. Im Johannes-Evangelium heißt es: Joh 1,1-3: Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Vielleicht haben Außerirdische, die von den Steinzeitmenschen für Götter gehalten wurden, diesen die Sprache gebracht. Bevor die Steinzeitmenschen angefangen haben zu sprechen, muss sich jedenfalls etwas Entscheidendes in ihren Köpfen verändert haben: Die Menschen müssen angefangen haben, sich in ihren Köpfen Dinge vorzustellen – auch wenn diese Dinge gar nicht da waren. In einer ersten Phase der Sprachentwicklung interagierten sie lediglich direkt mit ihrer Umwelt im Sinne von Reiz-Reaktions-Mechanismen. Erst die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen führte dazu, dass bestimmte Tätigkeiten nicht länger im Sinne eines Reiz-Reaktions-Musters automatisch abliefen, sondern dass der Mensch Reize (z. B. auch Geräusche) aus seiner Umwelt auswählte und so bewusst und gezielt auf diese reagierte. Durch die Selektion von Reizen aus der Umwelt entstanden Merkmale, die in der Folge zu Zeichen wurden, welche sodann die Grundlage für eine Sprache bildeten. In der weiteren Entwicklungsphase lösten sich die Zeichen vom Gegenstand und die damit in Verbindung stehende Tätigkeit bezog sich nun nur noch auf das Zeichen. Das klingt ganz einfach. Und doch ist das eine ganz besondere Eigenschaft: Jeder Mensch kann sich beispielsweise eine Banane vorstellen, wenn er das Wort „Banane“ hört – egal, ob diese Banane vor ihm auf dem Tisch liegt oder nicht. Tiere können das nicht. So begann die menschliche Sprache mit nichts anderem als Geräuschen und Tönen , die versuchten, die Tätigkeit oder den Status des Beschriebenen zu imitieren. In unserer heutigen Sprache sind derartige Überbleibsel noch in Form von Reflexlauten vorhanden. Bei der Babysprache z. B. handelt es sich um Reflexe, die ein jedes Baby hat und die einen bestimmten Ton auslösen. In den ersten drei Lebensmonaten des Babys kann man diese spezifischen Reflex-Laute hören. Heutzutage geht die Wissenschaft davon aus, dass praktisch jeder Mensch, unabhängig von seiner Herkunft, sprechen kann. Bereits Dreijährige sind in der Lage, eine unendliche Anzahl grammatisch richtiger Sätze zu formulieren. Alle Menschen besitzen ein angeborenes Sprachorgan, eine mentale Grammatik, die das Erlernen einer Sprache erlaubt. Es muss nur während der Kindheit mit den Regeln und dem Vokabular der jeweiligen Muttersprache ausgestattet werden. Um das Jahr 1500 unternahm der schottische König, James IV. einen Versuch, die Herkunft von Sprache zu klären, indem er zwei Knaben einsperren und völlig isoliert aufwachsen ließ. Sie entwickelten eine nur ihnen verständliche Sprache aus Lauten und Gesten. Ein Beispiel sind auch die sogenannten Wolfskinder. Sie wachsen ohne Sprache heran, zum Beispiel, weil sie ihre Kindheit eingesperrt in eine Kammer zugebracht haben. Bis sie jemand findet, haben sie oft keine oder kaum Berührung mit anderen – und damit mit der Sprache. Die Versuche, diesen Kindern das Sprechen beizubringen, scheitern häufig. Manche lernen ein wenig zu sprechen, andere gar nicht.

Berühmt ist der Fall Victor von Aveyron. 1800 fanden Jäger in einem Wald nahe der Stadt Saint-Sernin in der Gegend von Aveyron in Frankreich einen verwahrlosten Jungen. Er war etwa zehn Jahre alt und gab nur Tierlaute von sich. Der französische Arzt und Pädagoge Jean Itard, nahm sich des Jungen an und versuchte 5 Jahre lang ihm das Sprechen beizubringen. Sämtliche Versuche ihm die menschliche Sprache beizubringen scheiterten jedoch. Victor starb mit 38 Jahren und blieb bis zuletzt stumm. Jean Itard kam zu der Einsicht, dass der Mensch nur im Schoße der Gesellschaft den herausragenden Platz finden kann, der ihm von der Natur zugedacht ist, und ohne Zivilisation eines der schwächsten und unverständigsten Tiere sei. Solche und weitere Fälle von isoliert oder unter Tieren aufwachsenden Kinder legen die Vermutung nahe, dass es wahrscheinlich eine kritische Phase gibt, in der ein Mensch eine Sprache erwerben kann. Diese Phase reicht etwa von der Geburt bis in die Pubertät hinein. Nicht eindeutig geklärt ist, ob ein Mensch auch nach dieser Phase noch dazu in der Lage ist, eine Sprache zu erwerben. 1991 fanden Sozialarbeiter in der Ukraine die achtjährige Oxana. Sie lief auf allen Vieren und bellte. Sprechen konnte sie nur wenige Worte. Ihre Eltern hatten sie draußen im Garten vergessen, als Oxana etwa drei Jahre alt war. Sie waren starke Alkoholiker und hatten das Verschwinden des Mädchens offenbar nicht bemerkt. Das Mädchen suchte Unterschlupf in einer Hundehütte – und lebte dort fünf Jahre lang. Der Hund sorgte für sie, brachte ihr Essen und wärmte sie. Heute lebt Oxana in einem Pflegeheim. Sie lernte nie richtig sprechen, mehr als einfache Sätze bringt sie nicht heraus. Ein weiterer verbürgter Fall ist der von Genie. Dabei handelt es sich um ein wildes Mädchen, das zwar nicht von Tieren aufgezogen wurde, aber seine Kindheit vom Vater gefangen gehalten, in Isolation ohne menschliche Kontakte verbrachte. Als man sie fand, konnte sie nur unter großen Schwierigkeiten gehen, hatte lediglich einen Wortschatz von etwa 20 Wörtern und verhielt sich wie ein Tier (sie spuckte, kratzte, etc …).

Einige Wissenschaftler vertreten die Idee einer Menschheits-Ursprache. Danach soll die Hälfte unseres heutigen Wortschatzes einer einzigen Sprache – der Ur-Sprache, die vor ca. 8.000 Jahren in den russischen Steppen entstanden sein soll, entstammen. Von dort verbreitete sie sich dann über Europa und Asien. Die Ursprache soll über zahlreiche einfache Töne verfügt und bereits äußerst präzise gewesen sein. Diese Idee ist aber rein hypothetisch und wissenschaftlich  unbewiesen.

Anmerkung des Autors: Die menschliche Sprache entwickelte sich über Jahrmillionen hinweg durch das Zusammenspiel von biologischer Evolution, veränderten Lebensbedingungen und sozialer Interaktion. Da die Entstehung der Sprache so weit in der menschlichen Vorgeschichte zurückliegt, haben die relevanten Entwicklungen keine direkten historischen Spuren hinterlassen, und vergleichbare Prozesse sind heute nicht zu beobachten. Damit komplexe Sprache aber überhaupt möglich wurde, mussten sich die körperlichen Merkmale der Vorfahren des Menschen drastisch verändern: Der Übergang zum zweibeinigen Gehen veränderte die Position von Wirbelsäule und Schädel. Durch die anatomische Verschiebung entstand ein größerer Rachenraum, der die präzise Formung von Lauten erlaubte. Besonders das Broca-Areal und das Wernicke-Areal im Gehirn entwickelten sich weiter, um komplexe Grammatik und Wortbedeutungen zu verarbeiten. Das als „Sprachgen“ bezeichnete Erbgutelement FOXP2-Gen veränderte sich beim modernen Menschen so, dass die für das Sprechen notwendige Feinmotorik von Mund und Zunge koordiniert werden konnte. Charles Darwin sagte 1871 (Zita)t: Ich kann nicht daran zweifeln, dass die Sprache ihren Ursprung der Nachahmung und Veränderung verdankt, unterstützt von Zeichen und Gesten, von verschiedenen natürlichen Klängen, den Stimmen anderer Tiere und den eigenen instinktiven Schreien des Menschen.

Mittelalterliche muslimische Gelehrte entwickelten vier wissenschaftliche Theorien zur Sprachentwicklung:

  1. Die Gestentheorie: Erste Kommunikation lief primär über Handzeichen und Mimik ab. Als die Hände für Werkzeuge gebraucht wurden, verlagerten sich die Signale zunehmend auf die Stimme.
  2. Die Nachahmungstheorie (Onomatopoesie): Unsere Vorfahren imitierten Naturgeräusche und Tierstimmen, um Gefahren oder Objekte zu beschreiben.
  3. Die Naturlauttheorie: Sprache entwickelte sich aus unwillkürlichen emotionalen Ausrufen wie Schmerzseufzern, Angstrufen oder Freudenschreien.
  4. Soziale Hypothese: Das Zusammenleben in größeren Gruppen machte Absprachen bei der Jagd und soziale Bindungen notwendig

Vor ca. 2–3 Millionen Jahren nutzen der Homo habilis und Homo erectus vermutlich einfache Ur-Laute und kombinieren diese intensiv mit Gesten. Mit dem Auftreten des Homo sapiens und des Neandertalers vor ca. 150.000–300.000 Jahren existierte wahrscheinlich bereits eine anatomisch hochentwickelte, lautlich komplexe Sprache.

 Übergang von der gesprochenen Sprache zur Schrift

Die Erfindung der Schrift ist ein  einschneidendes Ereignis der Menschheitsgeschichte. Erst durch das Aufschreiben von Wissen konnte Wissenschaft und damit die Grundlage fortschrittlicher Technologie entstehen. Der Übergang von bildlichen Darstellungen, die schon vor zehntausenden Jahren an Felswände gemalt wurden, hin zu schreibenden Buchstaben war fließend. Eine entscheidende Innovation war dabei die Entwicklung von Zeichen, die einzelne Laute darstellten (Phonographie). Sie markiert den Übergang von der Abbildung von Gegenständen zur Abbildung von Sprache. Ursprünglich dienten Schriftzeichen als Piktogramme (Bilderschriften), um ganze Objekte oder Ideen darzustellen.  Ein Bild stand nicht mehr für den Gegenstand, sondern für den Lautwert seines Namens. Dieses Verfahren auch Rebus-Prinzip genannt, beschreibt die Verwendung von Symbolen oder Schriftzeichen als Lautzeichen, ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Bedeutung der Zeichen.  Ein entscheidender Schritt zur Einzellautdarstellung war die Akrophonie, eine Weiterentwicklung  in der Schriftgeschichte, bei dem ein Schriftzeichen (ursprünglich oft ein Bild ) den Lautwert des Anfangslauts des Wortes annimmt, das es darstellt (z. B. „Aleph“ für Rind).  Für den ersten Anlaut dieses Wortes wird nur noch (der Laut „A“) verwendet). Die Phönizier perfektionierten dieses System vor etwa 3.000 Jahren. Sie schufen eine reine Konsonantenschrift, in der jedes Zeichen einem spezifischen Laut entsprach. Den letzten Schritt zum modernen Alphabet verdanken wir den Griechen, die das phönizische System um Vokalzeichen ergänzten.(z. B. wurde aus dem Halbvokal Aleph für Rind das Alpha). 

Der sogenannte Schriftspracherwerb ist einer der wichtigsten Meilensteine in der menschlichen Kulturgeschichte. Während die gesprochene Sprache evolutionär weit über 150.000 Jahre alt ist, existiert die Schrift erst seit rund 5.000 Jahren. Schriftsysteme entwickelten sich aber nicht von heute auf morgen, sondern durchliefen klare evolutionäre Stufen:

  • Piktogramme (Bilderschrift): Erste Vorstufen waren Höhlenmalereien oder Symbole für Gegenstände. Ein gezeichnetes Rind bedeutete exakt ein echtes Rind. Es gab noch keine direkte Kopplung an die gesprochene Sprache. 
  • Ideogramme (Sinnschrift): Bilder wurden abstrakter und standen für Ideen oder Handlungen. Ein Auge konnte beispielsweise für „sehen“ oder „Wissen“ stehen. 
  • Logogramme (Wortschrift): Zeichen repräsentierten nun spezifische Wörter einer Sprache. Ein bekanntes Beispiel hierfür sind die ägyptischen Hieroglyphen. 
  • Phonogramme (Lautschrift): Die größte Revolution bestand darin, Zeichen nicht mehr mit Bedeutungen, sondern mit den Lauten der gesprochenen Sprache zu verknüpfen. Das im Nahen Osten entwickelte Phonizische Alphabet reduzierte Tausende Symbole auf wenige Zeichen und legte den Grundstein für moderne Alphabete.

Die erste Keilschrift der Sumerer markiert den Übergang von der rein mündlichen Überlieferung zur geschriebenen Sprache.  Die sumerische Keilschrift entstand um 3300 v. Chr. in Mesopotamien (dem heutigen Irak). Sie  gilt als das älteste bekannte Schriftsystem der Menschheit. : Der Name leitet sich von den keilförmigen Abdrücken ab, die ein dreikantiger Schilfrohrgriffel beim Eindrücken in den feuchten Ton hinterließ. Die frühe Proto-Keilschrift bestand aus einfachen, geritzten Bildern (z. B. ein Rinderkopf für „Rind“ oder eine Ähre für „Getreide“).  Um schneller schreiben zu können, ritzten die Schreiber die Linien nicht mehr, sondern drückten den Griffel senkrecht hinein. Die runden Linien verschwanden und machten den typischen Keilen Platz. Die Symbole wurden im Laufe der Zeit um 90 Grad nach links gedreht und die Schreibrichtung änderte sich von vertikalen Spalten zu horizontalen Zeilen von links nach rechts. Nachfolgende Hochkulturen wie die Akkader, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser übernahmen und modifizierten die Keilschrift für ihre eigenen Sprachen. Sie blieb über 3000 Jahre lang das dominierende Kommunikationsmittel im Nahen Osten. Nach dem Untergang des Perserreichs geriet die Keilschrift völlig in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung und Entzifferung der Keilschrift gelang im heutigen Iran an den Palastwänden der antiken persischen Hauptstadt Persepolis. Dort befanden sich dreisprachige Inschriften der Achämeniden-Könige (Darius I. und Xerxes I.). Sie waren in drei verschiedenen Keilschriftsystemen verfasst:

  • Altpersisch: Ein relativ einfaches System mit nur rund 40 Zeichen (eine Buchstabenschrift).
  • Elamisch: Ein komplexeres System mit über 100 Zeichen (Silbenschrift).
  • Babylonisch: Die komplizierteste Variante mit Hunderten von Zeichen (Wort- und Silbenschrift)

Der deutsche Gymnasiallehrer Georg Friedrich Grotefend  knackte 1802 das altpersische System. Er vermutete hinter den Inschriften die Namen persischer Könige, die er aus griechischen Quellen (wie Herodot) kan nte. Daraufhin identifizierte er eine oft wiederholte Zeichenfolge als das Wort für „König“. So konnte er durch den Vergleich der Buchstabenzahl von bekannten Königsnamen (Darius, Xerxes) mit den Keilschriftzeichen  die ersten zwölf Buchstaben korrekt entziffern. Dem britische Offizier Henry Creswicke Rawlinson (1835–1847) gelang der endgültige Durchbruch. Er kletterte unter Lebensgefahr an einer steilen Felswand im Westiran empor, um die monumentale Behistun-Inschrift zu kopieren. Diese Inschrift war das keilschriftliche Äquivalent zum Stein von Rosetta. Rawlinson entzifferte den altpersischen Text vollständig und übersetzte  im Anschluss die weit komplexeren babylonischen Schriftzeichen. Damit war die Keilschrift erfolgreich entziffert worden.  In den Ruinen von Hattuša, die Hauptstadt des Hethiter-Reiches, wurden bislang über 30.000 Fragmente von Keilschrifttafeln entdeckt. Der berühmteste Einzelfund ist die akkadische Fassung des Friedensvertrags zwischen Großkönig Ḫattušili III. und Pharao Ramses II. (ca. 1259 v. Chr.) nach der Schlacht bei Kadesch. Es ist der älteste schriftlich überlieferte Friedensvertrag der Welt, der im Original erhalten ist.  Das vierteilige Kikkuli-Buch gilt als das älteste erhaltene Handbuch für Pferdezucht und -training der Menschheit. Es beschreibt über Monate hinweg exakte Trainingspläne, Fütterungszeiten, Pflegeanweisungen und Ausdauerläufe, um die wertvollen Streitwagenpferde des hethitischen Königs fit für den Krieg zu machen. Zwei große, zusammenhängende Tontafeln enthalten die Rechtssammlung des Reiches (ca. 1650–1200 v. Chr.). Im Vergleich zu zeitgenössischen babylonischen Gesetzen (wie dem Codex Hammurapi) waren die Hethiter überraschend fortschrittlich. Statt des Prinzips „Auge um Auge“ setzten sie auf finanzielle Entschädigung und Wiedergutmachung. Geregelt ist alles von Diebstahl und Eherecht bis hin zu Festpreisen für Handwerker, Kleidung und Vieh. Die Anitta-Text-Tafel ist einer der ältesten Keilschrifttexte in hethitischer Sprache überhaupt. Er berichtet von König Anitta von Kuššara (18. Jahrhundert v. Chr.). Anitta eroberte das frühe Hattuša, zerstörte es völlig und schwor: „Wer nach mir König wird und Hattuša wieder besiedelt, den soll der Wettergott des Himmels treffen!“ (Ein Fluch, den die späteren hethitischen Könige ignorierten, als sie die Stadt zu ihrer Metropole machten). Die Kalasma-Tafel  ist eine weitere im Jahr 2023 in der hethitischen Hauptstadt Hattuša entdeckte Tontafel, die eine zuvor völlig unbekannte indogermanische Sprache enthüllt hat. Das als Kalasmäisch bezeichnete Idiom stammt aus der Spätbronzezeit (13. Jahrhundert v. Chr.). Archäologen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) entdeckten die Keilschrifttafel bei Ausgrabungen in der Nähe der Felsformation Ambarlıkaya in Hattuša. Der Text beginnt mit einer Einleitung in hethitischer Sprache. Sie enthält die Ritualanweisung, den folgenden Textabschnitt „in der Sprache des Landes Kalašma“ zu rezitieren. Das antike Kalašma lag am nordwestlichen Rand des Hethiterreiches. Der Text ist ein religiöses Ritual. In der Passage lädt ein ritueller Sprecher eine lokale Gottheit – vermutlich den lokalen Wettergott – dazu ein, Opfergaben anzunehmen, und bittet im Gegenzug um Wohlwollen, Segen und Fülle. Die Entdeckung der Tafel bestätigt eine bekannte Eigenheit des hethitischen Königshauses: Die Hethiter waren extrem daran interessiert, Rituale und religiöse Traditionen eroberter oder benachbarter Völker in deren Originalsprache aufzuzeichnen. In den königlichen Archiven wurden deshalb neben Hethitisch auch Texte auf Luwisch, Palaisch, Hurritisch oder Hattisch aufbewahrt.

Die Linearschrift A  ist ein Schriftsystem der minoischen Kultur Kretas, das vom 18. bis ins 15. Jahrhundert v. Chr. genutzt wurde und bis heute nicht vollständig entziffert ist. Sie gilt als die älteste echte Schrift Europas. ist. Während die spätere, daraus entwickelte Linearschrift B die frühgriechische Sprache abbildet, ist die hinter Linear A stehende minoische Sprache unbekannt. Es handelt sich um eine Mischschrift aus ca. 60 Silbenzeichen und 60 Begriffssymbolen (Ideogrammen) sowie Zahlzeichen. Die Schreibrichtung ist einheitlich von links nach rechts. Sie wurde überwiegend eingeritzt in Tontafeln, aber auch auf religiösen Objekten, Gefäßen und Ringen gefunden. Von der Linearschrift A existieren nur rund 1.500 kurze Inschriften, was die Entzifferung massiv erschwert. Forscher stießen unweit des Palastes von Knossos auf einen kunstvollen Elfenbeinring. Dieser trägt mit 119 Zeichen die bislang längste bekannte zusammenhängende Inschrift in Linear A. Da dieser Fund in einem kalligrafischen Stil und völlig ohne Zahlen verfasst wurde, liefert er vielleicht wichtige neue Impulse für die Schriftforschung.

Ein bis heute unentziffertes Schriftsystem von der Osterinsel (Rapa Nui) ist Rongorongo. Heute existieren weltweit nur noch rund 25 originale Textträger. Insgesamt zählen Forscher aber rund 15.000 bis 17.000 einzelne Schriftzeichen (Glyphen) auf allen Textträgern zusammen. Die Schrift besteht aus einem Kern von etwa 50 bis 200 Basissymbolen (wie Menschen, Vögel, Fische, Pflanzen). Diese werden jedoch zu tausenden verschiedenen Varianten und Ligaturen (Zusammensetzungen) kombiniert. Das wichtigste Artefakt ist die sogenannte Tafel von Santiago. Sie allein enthält über 1.500 einzelne Glyphen. Geschrieben wurde im sogenannten umgekehrten Bustrophedon. Man liest eine Zeile von links nach rechts, dreht die Tafel um 180 Grad und liest die nächste Zeile wieder von links nach rechts. Eine der untersuchten Textträger (eine Holztafel aufbewahrt in Rom),  wurde auf den Zeitraum zwischen 1493 und 1509 datiert. Das Holz stammt von einer Baumart, die nicht auf der Osterinsel heimisch ist, und gelangte vermutlich als Treibholz oder Schiffsteil dorthin. Da das Holz deutlich vor der Ankunft der Europäer existierte, stärkt dies die Theorie dass die  Rapanui die Schrift bereits vor dem ersten Kontakt mit Europäern im Jahr 172 als völlig unabhängige Schriftform entwickelten.

Einer der größten Durchbrüche für die Entschlüsselung alter Schriften war der 1799 in Ägypten gefundene Stein von Rosette,  da er als Schlüssel zur Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen diente. Der Stein ist 112,3 cm hoch, 75,7 cm breit, 28,4 cm tief und wiegt 762 kg. Nachforschungen am Fundort in der Nähe der ägyptischen Stadt Rosette im Nildelta östlich von Alexandria waren erfolglos, der Ursprung ist unbekannt Das Fragment einer Granitstele enthält ein Stein von Rosette – Hieroglyphenschrift  Stein von Rosette – Demotische SchriftPriesterdekret aus dem Jahr 196 v. Chr., das in drei verschiedenen Schriften verfasst wurde. Ganz oben Hieroglyphen: Die Schrift der Priester und für religiöse Texte, Demotisch in der Mitte: Die Alltagsschrift der ägyptischen Beamten und des Volkes. Ganz unten altgriechisch: Die Sprache der ptolemäischen Herrscher Ägyptens  und der Verwaltung. Vom oberen Text (Hieroglyphen) fehlen rund zwei Drittel, nur die letzten 14 Zeilen sind unvollständig erhalten. Alle 14 Zeilen sind am rechten Rand beschädigt und 12 Zeilen zusätzlich auf der linken Seite. Der mittlere Bereich (demotische Schrift) ist am besten erhalten. Von den 32 Zeilen sind die oberen 14 am rechten Rand leicht beschädigt. Vom unteren Text (Altgriechisch) fehlt rechts ein Eckstück. Daher sind von den 54 Zeilen nur 27 vollständig lesbar. Dem französischen Sprachforscher Jean-François Champollion gelang 1822 die Entschlüsselung. Er bemerkte, dass bestimmte Zeichengruppen im Hieroglyphen-Text von einer ovalen Linie umrahmt waren. Er vermutete (richtig), dass dies die Namen von Königen waren. Er verglich den Namen Ptolemaios (aus dem griechischen Text) mit dem Namen Kleopatra (von einem anderen Fundstück, dem Obelisken von Philae). Er stellte fest, dass beide Namen bestimmte Zeichen gemeinsam hatten (z. B. das P, das L und das O. Damit war bewiesen  dass Hieroglyphen sowohl für Laute als auch für Symbole stehen können. Champollion sprach ausserdem  fließend Koptisch (die Sprache der ägyptischen Christen). Er wußte, dass Koptisch die letzte Entwicklungsstufe des Altägyptischen war. Dies half ihm, die Bedeutung der Wörter zu verstehen, sobald er die Laute entziffert hatte.