Entschlüsselte Alchemie

Was Uneingeweihten immer wieder große Schwierigkeiten bereitet, ist die Vielfalt der Bedeutungen, der einzelnen alchemistischen Symbole und deren Synonyme. Alchemie war eine von Geheimhaltung, Mystik und Philosophie geprägte Geheimlehre. Dafür gab es zwei Hauptgründe: 1) Alchemisten wollten verhindern, dass Laien oder Scharlatane mächtige Rezepturen (wie das Elixier des Lebens oder die Transmutation zu Gold) missbrauchten. Symbole funktionierten wie eine verschlüsselte Geheimschrift. 2) Für ein und dieselbe Substanz gab es oft dutzende Begriffe. Zum Beispiel wurde Quecksilber (Merkur) wurde je nach Zustand, Verhalten oder philosophischer Interpretation als fliegender Adler, Drache, der sich in den Schwanz beißt (Ouroboros) oder als grüner Löwe bezeichnet. 

Es wird behauptet, das es keinem Alchemisten gelungen sei aus Quecksilber oder Blei echtes Gold zu machen. Dem widersprechen bekannte Alchemisten selbst.

Der Alchemist van Helmont war der Überzeugung, dass ihm die Transmutation von Quecksilber in Gold gelungen war. Er schrieb zur von ihm vorgenommenen letzten Arbeitsphase bei der Transmutation von Quecksilber zu Gold mittels des 2400sten Teils einer Unze vom Stein der Weisen: „Dieses Viertel eines Kornes projizierte ich deshalb, in Papier eingewickelt, auf acht Unzen Quecksilber, welche in einem Tiegel erhitzt worden waren, und sofort kam das gesamte Quecksilber […] zum Stehen, und […] fügte […] sich zu einem gelben Klumpen. […].“

Er war ebenfalls der Überzeugung, dass wahre Alchemie eine kabbalistische Kunst sei, die neben geduldiger Prüfung der echten hermetischen Schriften und tiefgründiger Erforschung der Natur einer Offenbarung bedarf, entweder durch einen eingeweihten Adepten oder durch innere göttliche Erleuchtung. Er sagt ferner: Es geht mit Auslegung der hermetischen Schriften wie mit der Bibel: wer beide verstehen und auslegen will, der muß Gott um Erleuchtung bitten. So sagt auch der Alchemist Thomas Vaughan  in seiner Aula lucia: Jeder weiß wohl Wasser im Feuer zu kochen, wenn sie aber unser Feuer in unserem Wasser zu kochen wüßten, würde ihre Natur-Kenntnis über die der Köche steigen.

In seinem Werk „Die entschleierte Alchemie“ erklärt er das Geheimnis des Steins der Weisen erstmalig offen, wenn auch in teilweise geheimnisvollen Andeutungen.

Das Ausgangsmaterial, die Materie an der der Alchemist das große Werk (Opus Magnum) vollbringt, wird Subjectum artis genannt.  Aus diesem Ausgangsmaterial wird durch Reinigung, Trennung und Neuzusammensetzung der Mercurius, der Sulphur und das Sal ausgezogen, aus denen der Stein der Weisen gemacht  oder das universelle Lebenselixier gewonnen werden kann. Dieses Ausgangsmaterial wird auch Stein der Alchemisten genannt. Die mercuriale Komponente des Sulphurs ist der flüchtige weiße Sulphur. Die sulphurische Komponente ist der fixe rote Sulphur. Das Sal ist das geheime Salz der Alchemisten. Alle drei zu ziehen aus der Minera Saturni, 

 Combure in aqua, lava in igne (übersetzt: Verbrenne im Wasser, wasche im Feuer) war eines der klassischen Rätsel der Alchemisten. Mit das „Wasser“ meinten die Alchemisten nicht gewöhnliches Leitungswasser, sondern das philosophische Lösungsmittel , das Azoth. Die Alchemisten kannten vier Arten von Feuer: Das erste Feuer, das Zentralfeuer der Weisen, ist das Feuer des Goldes, der wahre Goldschwefel (Ignis). Das zweite Feuer ist ein doppeltes, hermaphroditisches Feuer, weil es aus zwei konträren Elementen, nämlich Sulphur und Nitrum, zusammenkomponiert ist.  Wer es nun versteht diese beiden konträren Elemente miteinander zu vereinen, der hat das Universal-Menstruum gefunden. Nur dieses feurige Merkurialwasser, welches die Alchemisten auch feuchtes Feuer oder feuriges Wasser nannten,  kann den metallischen Sulphur, das innere Feuer des Goldes (Ignis) erwecken und zu vermehren.  Es ist der Essiggeist oder Azoth der Alchemisten, der rote Adler und nur durch diesem doppelten Geist kann das Gold radikal aufgelöst und zu einem öligen Kalk reduziert, d. h. in seine materia prima zurückgeführt werden. Nur wer die beiden magischen Elemente: Azoth und Ignis hat kann das Große Werk ausarbeiten, weshalb die Alchemisten auch sagten: „nam ignis et Azoth Philosophoru mineralisches Feuer istm tibi sufficiunt“.  Der Azoth, d. h. das Universalmenstruum kann aber nicht hergestellt werden ohne das dritte Feuer, welches ein kaltes , trockenes Feuer ist, das geheime Salzfeuer der Alchemisten. Dieses Feuer muss durch einen besonderen Kunstgriff in ein feuchtes Feuer, d. h. in einen roten Spiritus verwandelt werden, eben in das feurige Merkurialwasser. Das feuchte Feuer wird dann durch die aufeinander folgenden Stufen der Digestion in das Zentralfeuer umgewandelt und vermehrt dieses. Die drei magischen Feuer der Alchemisten entsprechen den drei Prinzipien, Mercurius, Sulphur und Sal. Das heiße trockene Zentralfeuer ist der Metallen Sulphur, so wie der wahre Goldschwefel (Ignis). Und das kalte mineralische Salzfeuer ist der Metallen Wasser, das durch Salz reduziert worden ist. Ein viertes Feuer ist das Feuer des Athanors, das allzeit in gleichem Grade gehalten werden muss.

In der alchemistischen Tradition und insbesondere im Werk von Paracelsus (Theophrastus von Hohenheim) unterscheidet man grundlegend zwischen zwei Wegen zur Gewinnung des Steins der Weisen dem „kurzen trockenen Weg“ und dem „langen nassen Weg“ . Der lange Weg basiert auf der sogenannten Aquilisation (Bereitung der Adler). Die Materie wird immer wieder verflüssigt, verflüchtigt und kondensiert (oft 7-, 9- oder gar 40-mal). Der feste „Körper“ wird so oft destilliert, bis alles Flüchtige sich gelöst hat. Dieser Weg erfordert enorme Geduld. Er arbeitet mit milder Wärme (z. B. im Sandbad, Wasserbad) und zieht sich oft über Monate oder Jahre hin, da die Natur in ihrem eigenen, langsamen Rhythmus im Labor nachgeahmt wird. Der kurze Weg nutzt extrem hohe Temperaturen (oft direkt im Schmelztiegel oder im Ofen bei Glut), um die Materie in kürzester Zeit aufzubrechen. Statt die Materie über Monate sanft zu zersetzen, wird sie durch die Hitze des  Feuers innerhalb von Tagen oder gar Stunden geschmolzen und verascht. Die Trennung der unreinen Anteile von den reinen Prinzipien (Sulphur, Mercurius, Sal) geschieht hier schlagartig. Dieser Weg ist hochgefährlich und unberechenbar. Die extremen Temperaturen und der plötzliche Druckaufbau im Schmelzprozess führen leicht zu Verpuffungen, giftigen Gasen oder dem Verlust der gesamten Arbeit. Dennoch lehrte Paracelsus den kurzen Weg der extractio sanguinem leonis et glutinum aquilae (übersetzt: Extraktion des Löwenblutes und des Adlerkitts). Das Löwenblut steht für den fixen Sulphur. Der Adlerkitt für den flüchtigen Mercurius. Auch Lullius, Philalethes, Welling und andere lehren den kurzen Weg, der allein die via regia der wahren Adepten sein soll. Vertreter des langen Weges waren die Rosenkreuzer. Auch der legendäre französische Alchemist Nicolas Flamel (14. Jahrhundert) gilt in späten Schriften als einer der berühmtesten Vertretern des langen Weges. Weitere Lehrer des langen Weges waren Basilius Valentinus oder Alexander von Suchten. Der lange Weg wurde von den Alchemisten meistens deshalb empfohlen, weil er Fehler verzeiht. Da mit niedrigen Temperaturen gearbeitet wird, explodieren die Gefäße selten und die giftigen Gase entstehen nur sehr langsam und kontrollierbar.

Wer die beiden magischen Elemente Azoth und Ignis hat, kann das Opus magnum der Alchemisten ausarbeiten, weshalb die Alchemisten auch sagen: nam ignis et Azoth Philosophorum tibi sufficiunt
Ohne den Azoth, dieses von den Alchemisten geheim gehaltene General-Dissolvens und Universal-Menstruum kann der Stein der Weisen nicht zustande kommen. Das auflösende Menstruum ist ein natürliches Feuer, dass aber von  der Kunst zubereitet werden muss. Der Alchemist Joh. de Monto-Snyder war der einzige der darüber in gewissen Andeutungen näher gesprochen hat: So wisse dass das Mineralische und Metallische Feuer, so da gefunden wird in Minera Saturni…Kannst du nun diesen beseelten Geist in einem Recipienten fangen, so hast du, sag ich das Universalmenstruum, welches die Gestalt eines trockenen und zugleichen feuchten Metallischen Wassers hat. Zur Bereitung des Universal-Menstruum ist also ein kaltes metallisches Feuer erforderlich. Das ist das geheime Salzfeuer der Alchemisten.  Das mineralische Feuer ist der philosophische Schwefel (Sulphur gezogen aus der Minera Saturni. Dieser feurige Funken, der tief im Inneren unedler Erze und Mineralien schläft und darauf wartet, durch das alchemistische Werk gereinigt zu werden.
Der Stein der Alchemisten, d. h. das Ausgangsmaterial für den Stein der Weisen wird verhältnismäßig leicht gefunden. Viele haben ihn im Besitz; einige wissen dass er das wahre Subjekt ist, aber sie wissen seine wahre Ausarbeitung nicht, weder den Stein in den Mercurius Philosophorum, noch diesen stufenweise in die Tinktur zu verwandeln.
Der Mercurius macht das Wesen der Metallität aus und ist in den edlen Metallen am stärksten vertreten. Ein Metall mit Mercurius anreichern, heißt es zu einem edlen machen. Dies geschieht durch einen Stoff, der die Metalle ölartig auflöst.  Aus diesem Öl lässt sich die Quintessenz aller Metalle herstellen, welche metallveredelnde Kraft hat, d. h. ein unedles Metall in ein edles zu verwandeln vermag.  

Unabängig davon ob es einzelnen Alchemisten gelungen ist, aus Blei in Gold zu transmutieren, Waren Alchemisten jedenfalls Pioniere der modernen Wissenschaft. Sie erfanden Laborgeräte, entwickelten Destillationsverfahren und entdeckten völlig neue Elemente und Materialien.

Johann Friedrich Böttger entdeckte das „weiße Gold“ (Porzellan). Böttger floh Anfang des 18. Jahrhunderts vor dem preußischen König, weil er behauptet hatte, Gold herstellen zu können. Er wurde jedoch vom sächsischen Kurfürsten August dem Starken gefangen genommen und in Festungshaft gesetzt, um dort tonnenweise Gold für die Staatskasse zu erzeugen. Gold schuf Böttger nicht. Zusammen mit dem Naturwissenschaftler Ehrenfried Walther von Tschirnhaus experimentierte er stattdessen mit Erden und Mineralien. 1708 erfand er so das erste europäische Hartporzellan (bekannt als Meissener Porzellan). Die Entdeckung machte Sachsen steinreich. 
Der Hamburger Alchemist Hennig Brand suchte 1669 nach einer Substanz, die unedle Metalle transmutieren oder das Leben verlängern könnte. Unter anderem experimentierte er er mit Urin, da er darin die Lebenskraft des Menschen vermutete. Statt des Steins der Weisen fand Brand am Boden seiner Gefäße eine wachsartige Substanz, die im Dunkeln von selbst hell leuchtete und sich an der Luft entzündete. Er hatte unbeabsichtigt das chemische Element Phosphor isoliert. Es war die erste Erstentdeckung eines chemischen Elements in der Neuzeit.
GoldrubinglasDer Alchemist Johann Kunckel erfand bei seinen metallurgischen Experimenten ein Verfahren, um Glas mit der Zugabe von feinstem Goldstaub tiefrot zu färben. Dieses Goldrubinglas war ein begehrtes Luxusgut an europäischen Fürstenhöfen

Alchemisten erfanden das Schießpulver in Europa, isolierten Säuren (wie Salzsäure und Salpetersäure), verfeinerten die Destillation von Alkohol und erfanden Labor-Basics wie das Wasserbad (Bain-Marie)