Die Amazonen

Die Amazonen sind ein legendäres Volk von Kriegerinnen aus der griechischen Mythologie, die für ihren Mut, ihre Reitkunst und ihr Geschick im Bogenschießen bekannt sind. Historische Forschungen zeigen heute, dass dieser Mythos auf realen Nomadenfrauen der eurasischen Steppe (Skythen) basiert, die tatsächlich an der Seite von Männern kämpften. Sie bildeten eine reine Frauengesellschaft und duldeten Männer oft nur zur Fortpflanzung. Sie kämpften zu Pferd, unter  Einsatz von Pfeil und Bogen sowie der doppelschneidigen Labrys-Axt. Die verschiedenen Amazonenvölker lebten in Gebieten rund um das Schwarze Meer wie im Kaukasusgebiet, in Nordanatolien, wo im Pontosgebiet auch ihre Hauptstadt Themiskyra lag. Aber auch in Kleinasien (Karien, Lykien) und in Libyen sollen sie gesiedelt haben. Um einen historischen Kern in den Amazonenmythen ausmachen zu können, fehlen ausführlichen zeitgenössischen Schriftquellen.

Amazonengebiet

Der Dominikanermönchs Gaspar de Carvajal  begleitete  im Jahr 1542 die Expedition des spanischen Konquistadors Francisco de Orellana, der als erster Europäer den gesamten Lauf des Amazonas von West nach Ost befuhr. Carvajals Augenzeugenbericht ist das Dokument, das dem Amazonas-Fluss seinen heutigen Namen gab. Im Juni 1542 stieß die Expedition am Flussufer auf heftigen Widerstand durch einheimische Krieger. Carvajal notierte in seinem Tagebuch überrascht, dass die Verteidiger von großen, hellhäutigen Frauen angeführt wurden. Sie kämpften nackt, waren sehr stämmig gebaut und trugen ihr langes Haar zu Zöpfen um den Kopf gewickelt. ie schossen extrem präzise mit Pfeil und Bogen und trieben die männlichen Krieger zur Schlacht an. Aufgrund dieser eindringlichen Beschreibung fühlten sich die Spanier sofort an die Amazonen aus der griechischen Mythologie erinnert. Orellana taufte den Fluss daraufhin Río de las Amazonas. Das Volk der Tupi war zur Zeit der europäischen Entdeckung um 1500 eine der größten und einflussreichsten indigenen Ethnien Brasiliens. Sie bewohnten ursprünglich den Amazonas-Regenwald, wanderten jedoch über Jahrhunderte ab und besiedelten schließlich fast drei Viertel der gesamten brasilianischen Atlantikküste sowie weite Teile des Binnenlands Laut einer Tupi-Legende lebte im Amazonasgebiet ein legendäres Volk von Kriegerinnen,  die Icamiabas (aus der Tupi-Sprache übersetzt etwa „Frauen ohne Ehemänner“ oder „abgetrennte Brust“). Die Icamiabas bildeten eine reine Frauengesellschaft, die isoliert in Dörfern (u.a. am Fluss Nhamundá) lebte. Männern war der Zutritt strengstens verboten. Sie galten als exzellente Jägerinnen und unübertroffene Meisterinnen im Umgang mit Pfeil und Bogen. Beschützt wurden sie der Legende nach von Jaci, der Mondgöttin. Einmal im Jahr empfingen sie die Männer des benachbarten Guaçari-Stammes zu einem rituellen Fortpflanzungsfest. Wurde ein Junge geboren, schickten sie ihn zum Vater; Mädchen behielten sie, um sie als Kriegerinnen aufzuziehen. Eng verbunden mit den Icamiabas ist die Legende des Muiraquitã. Zum Abschluss des jährlichen Festes tauchten die Kriegerinnen in den heiligen See Iaci-uarua („Spiegel des Mondes“). Dort holten sie einen weichen, grünen Lehm vom Grund, den sie in Form von Fröschen, Schildkröten oder Schlangen formten. An der Luft härtete das Material zu einem jadeähnlichen, grünen Stein aus. Diese Muiraquitãs schenkten sie den abreisenden Männern als mächtige Fruchtbarkeits- und Schutzamulette. In Brasilien gelten diese grünen Steinfrösche bis heute als wertvolle archäologische Funde und Glücksbringer. Historiker fasziniert die verblüffende sprachliche Parallele zur Antike: Unabhängig von den Europäern bedeutete der Name Icamiaba in der Sprache der Tupi-Guaraní fast exakt dasselbe wie das griechische Wort Amazone. Beide Begriffe verweisen auf Frauen, die autark lebten und sich für den perfekten Bogenschuss angeblich die rechte Brust einschnürten oder amputierten.

Lediglich eine Reihe antiker Autoren erwähnt die Amazonen.  Der Historiker Herodot schrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen Historien, dass die zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer ansässigen Sauromaten (Vorgänger der Sarmaten) aus einer Vermischung von Skythen und Amazonen entstanden seien.  Die Skythen waren ein Reiternomadenvolk, das um das 8. Jahrhundert vor Christus herum in den eurasischen Steppen zwischen dem Schwarzen Meer und der heutigen Ukraine gelebt hat. Im Volk der Skyten gab es waffentragende Frauen. Im 4./3. Jahrhundert vor Christus wurden die Skyten von den Sauromaten unterworfen. In einer angeblich vom athenischen Logographen Lysias Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. verfassten Grabrede für Gefallene im Korinthischen Krieg heißt es, dass die Amazonen am Thermodon lebten und im Gegensatz zu ihren Nachbarvölkern bereits Waffen aus Eisen benutzten. Sie seien die Ersten gewesen, die auf Pferden ritten, was ihnen gegenüber ihren Nachbarvölkern Vorteile verschaffte. Sie unterwarfen große Gebiete. Ein Angriff auf Athen endete jedoch für die Amazonen mit einer Niederlage. Der Geschichtsschreiber Diodor hielt sich im 1. Jahrhundert v. Chr. längere Zeit in Ägypten auf. Er schrieb im 3. Buch seiner Bibliothēkē historikē über Amazonen in Nordwest-Afrika, die lange vor den kleinasiatischen Amazonen gelebt und unter ihrer Königin Myrina ganz Nordafrika unterworfen haben sollen. Die Frauen übernahmen den Militärdienst und die Regierungsgeschäfte, während die Männer für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig waren. Diodor beschreibt, dass das afrikanische Amazonenreich schließlich durch den griechischen Helden Herakles (Herkules) vernichtet wurde, als dieser Feldzüge im Westen unternahm. Während der Bericht von Diodor wahrscheinlich ins Reich der Sagen gehört, gab es in der realen afrikanischen Geschichte tatsächlich ein historisch belegtes, weibliches Elite-Militärkorps: Die Agojie (auch bekannt als die schwarzen Amazonen). Es handelte sich um ein rein weibliches Militärregiment, das vom 17. bis zum späten 19. Jahrhundert existierte und als einzige dokumentierte Frauenarmee der modernen Geschichte gilt. : Ursprünglich wurden die Frauen im 17. Jahrhundert wahrscheinlich als Palastwachen oder Elefantenjägerinnen aufgestellt. Alle Kriegerinnen galten rechtlich als offizielle Ehefrauen des Königs (Ahosi), was ihnen einen extrem hohen sozialen Status einbrachte. Die Truppe rekrutierte sich aus Kriegsgefangenen, Sklavinnen oder unbändigen Frauen, die von ihren Familien dem König übergeben wurden. Einmal aufgenommen, mussten die Frauen ein Keuschheitsgelübde ablegen und ein extrem hartes, schmerzunempfindliches Kampftraining durchlaufen. Während der Französischen Kolonialkriege (1890–1894) verteidigten die Agojie ihr Reich erbittert gegen die technologisch überlegene französische Armee. Infolge der Niederlage und der darauffolgenden Kolonisierung Dahomeys wurde das Frauenregiment 1894 von den Franzosen systematisch aufgelöst. Der Geograf Strabon  schreibt gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in seiner Geografie, die Hauptstadt der Amazonen sei Themiskyra am Fluss Thermodon im kleinasiatischen Teil des Pontos-Gebiets gewesen. In einem seiner Werke geht Strabon ausführlich auf die Amazonen ein, die im nördlichen Kaukasus gelebt haben sollen; nach älteren Quellen, die Strabon zitiert, nördlich der kaukasischen Albaner oder als Nachbarn der Gargarier, in Keraunien. Die Gargarier waren das rein männliche Gegenstück zu den Amazonen. Während die Amazonen als reines Frauenvolk lebten, bildeten die Gargarier einen Stamm, der ausschließlich aus Männern bestand. Die Amazonen  lebten die meiste Zeit des Jahres unter sich, betrieben Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht, gingen auf die Jagd und tätigten Kriegsgeschäfte. An zwei Monaten im Frühling träfen sie sich mit den Gargariern auf einem Berg, der beide Gebiete trennt, und zeugten mit ihnen bei Dunkelheit Kinder. Waren alle Amazonen schwanger, verließen sie die Garganer. Die aus diesen Verbindungen gezeugten Mädchen zögen die Amazonen selber auf, die Jungen übergäben sie den Gargariern. Diese Schilderung Strabons hat große Ähnlichkei mit der Icamiaba-Legende der Tupis. Laut den Überlieferungen von Strabon stammten die Gargarier ursprünglich aus derselben Region am Schwarzen Meer (Themiskyra) wie die Amazonen. Nach einem Konflikt und einem darauffolgenden Krieg spalteten sich die Männer jedoch ab. Erst nach dem Friedensschluss wurde das jährliche Fortpflanzungsritual etabliert, bei dem beide Stämme ansonsten völlig autark und räumlich getrennt voneinander lebten.  Der antike griechische Geschichtsschreiber Herodot beschreibt in seinem Werk Historien (vor allem im 4. Buch) kämpfende Frauen im Kontext der Kolonie Olbia (auch Olbia Pontica). Die Stadt Olbia lag an der Mündung des Flusses Bug am Nordufer des Schwarzen Meeres (heutige Ukraine). Die Stadt diente Herodot als wichtiger Stützpunkt und Informationsquelle für seine Berichte über die dortigen Steppenvölker. Er erzählt eine berühmte Ursprungslegende über die Entstehung des Volkes der Sauromaten. Griechische Krieger besiegten einst die Amazonen (die sagenhaften Kriegerinnen) in einer Schlacht am Thermodon. Die gefangenen Frauen wurden auf Schiffen weggeführt, überwältigten jedoch auf offener See ihre Bewacher. Die Schiffe strandeten am Mäotischen See (dem heutigen Asowschen Meer). Die Amazonen gingen an Land, raubten Pferde und begannen, das Land der dort lebenden Skythen zu plündern. Als die Skythen bemerkten, dass es sich um Frauen handelte, schickten sie junge Männer aus, um nicht gegen sie zu kämpfen, sondern sich mit ihnen zu paaren. Die jungen Skythen näherten sich den Amazonen friedlich an, und es entstanden Liebespaare. Die Amazonen weigerten sich jedoch, das traditionelle, sesshafte Leben der skythischen Frauen zu führen („Wir können nicht mit euren Frauen leben, denn wir haben nicht dieselben Sitten; wir schießen mit dem Bogen und werfen den Spieß…“). Deshalb zogen sie mit den jungen Männern weiter nach Osten über den Fluss Tanais (Don) und gründeten das Volk der Sauromaten. Die Frauen ritten gemeinsam mit ihren Männern in den Kampf. Sie trugen dieselbe Kleidung wie die Männer und beteiligten sich an der Jagd. Herodot überliefert auch ein strenges Gesetz dieses Volkes: Keine Jungfrau durfte heiraten, bevor sie nicht mindestens einen feindlichen Mann im Kampf getötet hatte. Manche Frauen, so schreibt er, starben deshalb unverheiratet im hohen Alter, weil sie diese Pflicht nicht erfüllen konnten. Die moderne Archäologie hat Herodots Berichte jedoch in erstaunlichem Maße bestätigt: In den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres wurden zahlreiche sarmatische und skythische Frauengräber entdeckt, in denen die Skelette mit Waffen (Pfeilspitzen, Dolchen, Lanzen) und Rüstungsteilen bestattet worden waren. Viele dieser weiblichen Skelette wiesen zudem typische Kampfverletzungen auf

In der Ilias des antiken Dichters Homer (vermutlich 8. Jahrhundert v. Chr.), werden zwei Ereignisse, geschildert, die sich vor dem Trojanischen Krieg ereignet haben sollen:

  1. Im Zusammenhang mit dem Bellerophon-Mythos kämpft der griechische Held Bellerophon, Großvater der vor Troja kämpfenden Brüder Glaukos und Sarpedon, bei seinem Aufenthalt in Lykien unter anderem gegen Amazonen.
  2. Priamos, der König von Troja (Ilion), kämpft in seiner Jugend aufseiten der Phryger, als diese am Fluss Sangarios von Amazonen angegriffen werden.

Eine Theorie besagt, dass die realen Vorbilder für die Amazonen bei den Griechen Stämme der Skythen und Sarmaten waren. Das wird durch Funde des Anthropologen  David W. Anthony belegt, der 2007 schrieb, dass rund 20 Prozent der skythischen oder sarmatischen „Kriegergräber“ am unteren Don und der unteren Wolga weibliche Skelette enthielten, deren Kleidung denen der männlichen Krieger entsprach. Der russische Archäologe Leonid Jablonskij und die US-amerikanische Archäologin Jeannine Davis-Kimball  verweisen auf Funde in der Nekropole bei Pokrovka, südwestlich von Sol-Ilezk am Ilek. Zwischen etwa 600 und 300 v. Chr. wurden hier den weiblichen Gräbern mehr Waffenbeigaben als den männlichen beigefügt. Im letzten Drittel der Belegungsphase wurde die Gräberstadt von Sarmaten benutzt. Einige Waffen weisen Gebrauchsspuren auf sind also wahrscheinlich benutzt worden. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Nekropole in Pokrovka um die Gräber der von Herodot genannten Sauromaten.

Ob es die Amazonen wirklich gegeben hat, weiß bis heute niemand. Das Amazonenvolk ist ein Mythos, der seit Jahrtausenden durch die Geschichte spukt.