Das Geheimnis vom Salz

Wenn ein Corpus durch Verwesung und Verbrennung zu Asche wird,  so das er in Form und Gestalt aufhört zu sein, was er gewesen ist , so geht er zurück in sein erstes Wesen (prima materia), namentlich in das Salz zurück.

Es gibt drei wesentliche Salze im Naturreich, die da sind Vitriol, Salpeter und Sal armoniac.  Sal Armoniac (besser bekannt als Salmiak oder chemisch Ammoniumchlorid (NH₄Cl) ist ein weißes, kristallines Salz. Es ist leicht wasserlöslich und sublimiert beim Erhitzen direkt vom festen in den gasförmigen Zustand. Vitriol ist eine Gruppe von kristallwasserhaltigen Sulfaten (Salzen der Schwefelsäure) von zweiwertigen Metallen:

  • Kupfervitriol (blaue Kristalle): Kupfer(II)-sulfat-Pentahydrat (CuSO₄ ⋅ 5H₂O).
  • Eisenvitriol (hellgrüne Kristalle): Eisen(II)-sulfat-Heptahydrat (FeSO₄ ⋅ 7H₂O)
  • Zinkvitriol (weißes Pulver oder farblose Kristalle): Zinksulfat-Heptahydrat (ZnSO₄ ⋅ 7H₂O)

Durch das starke Erhitzen (Destillieren) von grünem oder blauem Vitriol gewannen Alchemisten eine hochkonzentrierte, ölige Flüssigkeit: das sogenannte Vitriolöl. Dabei handelt es sich um reine Schwefelsäure (H₂SO₄). In der Alchemie beschreibt das Wort Vitriol  einen inneren Reifungsprozess.

„Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Ocultum Lapidem“
(Besuche das Innere der Erde, durch Läuterung wirst du den verborgenen Stein [der Weisen] finden).

Salpeter ist der Sammelbegriff für die Salze der Salpetersäure (HNO₃). In der Alchemie wurde der  Kalisalpeter (Kaliumnitrat, KNO₃) vevrwendet. 

Die eigentlichen Tria Prima (die drei Prinzipien) wurden im 16. Jahrhundert von Paracelsus definiert: Mercurius, Sulphur, Sal.

Sal armoniac, Vitriol  und Salpeter sind deren mächtigste, physische Repräsentanten im Labor der späten Alchemie. Die Kombination aus Sal Armoniac (Salmiak / Ammoniumchlorid), Vitriol (bzw. dem daraus gewonnenen Vitriolöl/Schwefelsäure) und Salpeter (Kaliumnitrat) ergab das legendäre Königswasser (Aqua Regis), die einzige Flüssigkeit, die in der Lage war, das „vollkommene Metall“ Gold aufzulösen. Wenn Gold in  Aqua Regia, dem Königswasser aufgelöst wurde, entsteht  zunächst eine tiefrote, ölige Flüssigkeit, der Sulphur Solis oder Schwefel des Goldes. Beim langsamen Eindampfen der Lösung kristallisierten gelb-orangefarbene Nadeln aus. Dies war das Sal Solis (Tetrachlorogoldsäure-Trihydrat), für die Alchemisten das unzerstörbare, gereinigte Sal metallorum. Tetrachlorogoldsäure-Trihydrat war extrem hygroskopisch. Das bedeutet, das feste Salz zog Feuchtigkeit aus der Luft so stark an, dass es sich von selbst wieder verflüssigt und in eine tiefrote, ölige Flüssigkeit zurückverwandelte. Bleibt das Öl zusätzlich über längere Zeit im hellen Tageslicht (UV-Strahlung) oder an warmer Luft stehen, setzt eine weitere chemische Veränderung ein: Reduktion: Das enthaltene Gold(III) ist chemisch instabil und wird durch Licht- und Staubeinwirkung langsam zu elementarem, metallischem Gold reduziert. Das rote Öl nannten die Alchemisten Aurum Potabile (trinkbares Gold) oder das „Öl des Goldes“.  Um das hochgiftige, ätzende Gold-Öl aus dem Königswasser für Heilzwecke trinkbar zu machen, nutzen die Alchemisten aufwendige Destillationen, pflanzliche Lösungsmittel und Neutralisationen. Am häufigsten wurde die Destillation angewandt. Das Gold-Öl wurde wochenlang mit hochprozentigem Weingeist (Ethanol) in geschlossenen Gefäßen („Pelikanen“) erhitzt. Der Alkohol wirkte als mildes Reduktionsmittel und bildete mit der Säure flüchtige Ester, wodurch die Aggressivität der Mischung langsam sank.

Links: Ethanol + Salpetrige Säure /  Rechts: Ethylnitrit (Ester) + Wasser

Am Ende dieses Prozesses stand meist eine tiefrote, intensiv duftende Flüssigkeit auf Alkoholbasis (= Ester-Lösung mit Gold-Nanopartikel). Der Alkohol reduzierte die Goldionen zu winzigen, im Lösungsmittel schwebenden Partikeln. Diese färben Flüssigkeiten (kolloidales Gold) je nach Partikelgröße rubinrot.

Aus medizinischer Sicht ist kolloidales Gold nicht uneingeschränkt genießbar.  Gold-Nanopartikel werden vom Körper extrem langsam abgebaut. Sie reichern sich vor allem in der Leber, der Milz und den Nieren an. Eine dauerhafte Einnahme kann diese Organe chronisch belasten. Paracelsus (1493–1541) war ein großer Verfechter des Aurum Potabile. Er betonte jedoch auch, dass das Gold im Labor chemisch völlig verändert werden müsse, um medizinisch zu wirken. 

In Reinform ist Ethylnitrit bei Raumtemperatur ein farbloses, hochentzündliches und explosives Gas mit einem sehr niedrigen Siedepunkt von nur 17 °C.  Ethylnitrit ist auch in alkoholischer Lösung keineswegs harmlos. Die Lösung verringert zwar die extreme Explosionsgefahr des reinen Gases, die chemische Giftigkeit und biologische Wirkung auf den menschlichen Körper bleiben jedoch voll bestehen. Da Ethylnitrit aber einen Siedepunkt von nur 17 °C besitzt, gast es selbst aus einer kühlen alkoholischen Lösung extrem schnell aus. Die entstehenden Dämpfe sind hochentzündlich und beim Einatmen toxisch.

Im 16. Jahrhundert revolutionierte der Arzt und Alchemist Paracelsus das alchemistische Denken. Er postulierte, dass alle Dinge aus drei göttlichen Ur-Prinzipien bestehen: Mercurius, Sulphur und Sal. Auf obigen Prozess angwandt war das flüchtige Ethylnitrit (der duftende Ester)  der Mercurius, das rote Öl der Sulfur. Das, was am Ende als kristallines Pulver zurückblieb – das Salz –, war die gereinigte, unzerstörbare Essenz des Metalls, das sal metallorum.  Um daraus jedoch durch die Projektion auf unedle Metalle wie Blei, eine Transmutation (die Verwandlung in echtes Gold) zu erzwingen, reichte das Salz allein nicht aus. Es musste noch energetisch „geladen“ werden. Der Alchemist vermischte die Salzkristalle erneut mit dem zuvor destillierten Ethylnitrit (dem Mercurius) und dem roten Öl (Sulphur). Unter  wochenlangem Einfluss von Hitze kam es zu einer Fixation. Zusammen mit der Verflüssigung (Solutio) bildet sie das fundamentale alchemistische Prinzip: „Solve et coagula“ (Löse und verfestige). Ziel der Fixation war es, das flüchtige Ethylnitritso an einen festen Körper (das Sal metallorum) zu binden, dass die Substanz Feuer übersteht, ohne zu verdampfen und ihre flüchtige, durchdringende Kraft behieltt, um unedle Metalle zu durchdringen. Um die Fixation zu erzwingen, nutzten die Alchemisten meist monatelange, sanfte Wärmezyklen im Pelikan (= Zirkulationsgefäß). Die flüchtigen Dämpfe stiegen beim Erhitzen auf, kondensierten an den oberen Armen des Gefäßes und flossen kontinuierlich zurück auf das am Boden liegende feste Metallsalz. Es entstand ein extrem dichtes, dunkelrotes Pulver oder ein zähflüssiges Wachs – angeblich der vollendete Stein der Weisen. Das große Werk (Magnum Opus) zur Herstellung des Steins war streng in Farbphasen unterteilt: von Schwarz (Nigredo) über Weiß (Albedo) bis zur höchsten Stufe, dem Rot (Rubedo). Für die meisten Alchemisten war das„rote Öl“ oder das daraus gewonnene rotes Pulver das physische Erscheinen der Rubedo. Sie waren fest davon überzeugt, dass dieses rote Gold-Elixier entweder der Stein der Weisen selbst oder dessen flüssige Vorstufe war. Doch beides war ein Irrtum. Chemische Reaktionen – wie das Auflösen von Gold in Königswasser, das Entstehen von Ethylnitrit oder das Kristallisieren von Tetrachlorogoldsäure – finden ausschließlich in der Elektronenhülle der Atome statt. Bei all diesen Prozessen werden nur Bindungen zwischen Atomen gelöst und neu geknüpft. Der Atomkern selbst bleibt völlig unangetastet. Um z. B.  aus Blei (82 Protonen) jedoch echtes Gold (79 Protonen) zu machen, müssen drei Protone aus dem Kern entfernt werden. Das haben die meisten Alchemisten nicht geschafft. Nur wenigen Alchemisten wie Johann Friedrich Schweitzer (genannt Helvetius), Alexander Seton, Michael Sendivogius (ein polnischer Alchemist der den en sterbenden Seton aus dem sächsischen Kerker befreite und als Gegenleistung den Rest von dessen Transmutationspulver erhielt), Laskaris oder Jan Baptist van Helmontgelang es angeblich erfolgreiche Transmutationen durchzuführen. Doch wenn das wahr  ist, haben sie eine bis heute rätselhafte Methode angewandt.

Das Geheimnis vom Salz

  • Aus dem Salz der Metalle wird der Stein der Weisen gemacht. Er kommt aus den Metallen, von den Metallen und durch die Metalle
  • Sal metallorum ist Lapis Philosophorum. Salz ist die Quintessenz.
  • Die Alchemisten die das Salz richtig zu solvieren und zu koagulieren wußten, kannten das verborgene Geheimnis aller Weisen. Sie hatten den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis der Alchemie.  
  • Nur der Sulphur solis kann den Corpus des Goldes solvieren und in ein unverbrennliches Öl verwandeln.

Das trockene Wasser der Alchemisten (Aqua sicca),  dass die Hände nicht nass macht, ist nicht das normale Quecksilber (Hg),  sondern ein sogenannter Deckname für eine andere geheime Substanz. Diese hat unendlich viele Namen:  Mercurius vivus,  Jungfrauen-Milch, lebendig machendes Wasser, Azoth. In den Geheimtexten der Alchemisten wie Isaac Newton oder im bekannten Rosarium Philosophorum wird dieser Begriff genutzt, um eine Substanz zu beschreiben, die widersprüchliche Eigenschaften in sich vereint. Für erfolgreiche Alchemisten war das Aqua sicca der stoffliche Schlüssel zur Erschaffung des Steins der Weisen.

Das Salzrezept des Isaac Hollandus

Der Alchemist Johann Isaac Hollandus, sagt das Sal ammoniacum (Ammoniumchlorid NH4Cl) ist das geheime Salz der Weisen. Es ist ein trockenes Feuer (Salz) das durch einen besonderen Kunstgriff in ein feuchtes Feuer, d. h. in einen roten Spiritus, das feurige Merkurialwasser verwandelt werden muss. Mit dem besonderen Kunstgriff  ist die Sublimation und anschließende Destillation des geheimen Salzes gemeint. Das  Sal ammoniacum verbindet laut Hollandus  Substanzen miteinander, selbst wenn diese unverträglich sind. Daher ist es eine unverzichtbare Komponente bei der Herstellung des Azoth (Nitrum + Sulphur). Ammoniumchlorid sublimiert beim Erhitzen, d. h. es wird gasförmig und beim Abkühlen sofort wieder fest, ohne flüssig zu werden. Das „feurige Merkurialwasser“, entsteht wenn das sublimierte Salz in Salpetersäure gelöst wird.  Dafür spricht auch die im Werk „Uraltes chymisches Werk“ von Rabbi Abraham Eleazar  erwähnte Rezeptur. Danach ist das trockene Feuer eine Mischung aus Ammoniumchlorid und Salpeter. Erhitzt man festes Ammoniumchlorid vorsichtig mit konzentrierter Salpetersäure, wird die flüchtige Salzsäure (HCl) als Gas ausgetrieben. Das Wasser (Salpetersäure ist nie 100 % rein, sondern eine Lösung in Wasser) bleibt im Gefäß und das neu entstandene Salz Ammoniumnitrat löst sich darin. Da in der Lösung noch Reste der nicht umgesetzten Salpetersäure sowie gelöstes Nitrosylchlorid (NOCl) und Chlorid-Ionen vorhanden sind  entsteht das Merkurialwasser der Alchemisten, eine extrem aggressive Variante des Königswassers (Aqua Regia). Das teilweise in der Säure gelöste Nitrosylchlorid färbt die Flüssigkeit dunkelorange bis rot. Die Gesamtreaktion für diese Verfärbung sieht vereinfacht so aus: HNO3  + 3HCl → NOCl + Cl2 + 2H2O

Chemische Interpretation:

Bei der trockenen Destillation (Verkokung) der Steinkohle wird die Kohle unter Luftabschluss auf bis zu 1000 °C bis 1200 °C erhitzt. Um solche extremen Temperaturen zu erreichen nutzten die Alchemisten drei Faktoren: Als Brennstoff Holzkohle (erreicht bis zu 1300 °C), Sauerstoffzufuhr durch einen Blasebalg und eine Spezialofen, den Athanor. Durch die Verkokung spaltet sich die Kohle in vier Hauptprodukte auf: Koks (Feststoff – ca. 70–80 %), Steinkohlenteer (Flüssigkeit – ca. 3–4 %), Ammoniakwasser / Gaswasser (Flüssigkeit – ca. 10 %) und Steinkohlengas / Kokereigas (Gas – ca. 15–18 %). Wenn Kohle unter Luftabschluss erhitzt wird, entsteht auch Wasser,  Ammoniakgas (NH3) und Chlorwasserstoffgas (HCl). Weil sich Ammoniakgas extrem gut in Wasser löst, saugt das kondensierende Wasser das Gas sofort auf. Es entsteht das oben erwähnte Ammoniakwasser (Gaswasser). Ein Teil des  Ammoniakgases jedoch reagiert mit dem Chlorwasserstoffgas und es entsteht das feste Salz Ammoniumchlorid (NH4Cl), Salmiak), das als dichter, weißer Rauch oder Nebel auskristallisiert. Der größte Einzelbestandteil  des Steinkohlenteers  ist Naphthalin (ca. 10 %). Weitere wichtige Stoffe sind Phenanthren, Anthracen, sowie  Benzol, Toluol und Xylol. Des Weiteren Phenole z. B. das Phenol , ferner  Pyridin und Thiophen. In der alchemistischen Praxis wurde der Steinkohlenteer durch mehrstufige Trennung (Trockene Destillation (Pyrolyse)  in verschiedene Siedebereiche zerlegt.. Einige Apparaturen der Alchemisten besaßen dazu mehrere übereinandergestapelte Helme oder verbundene Auffanggefäße.  Da die Hitze nach oben hin abnahm, kondensierten schwerere Stoffe im unteren Helm und leichtere Stoffe erst weiter oben. So entstanden in einem einzigen Erhitzungsvorgang  zwei oder drei grob getrennte Qualitäten einer Flüssigkeit. Ein anderes Verfahren war die Zirkulation. Mit Geräten wie dem Pelikan wurde die Flüssigkeit mehrmals verdampft und kondensiert. Leichtflüchtige Komponenten blieben dauerhaft im gasförmigen oder oberen Zustand, während schwerere Stoffe sich am Boden anreicherten. Zwecks Reinigung der Flüssigkeiten wurden diese erneut destilliert.  So erhielten die Alchemisten folgende Substanzen:

  • Leichtöl (ca. 1–2 %): Siedet bis ca. 170 °C. Es enthält die einkernigen Aromaten wie Benzol, Toluol und Xylol. 
  • Mittelöl / Carbolöl (ca. 15–18 %): Siedet bei ca. 170–240 °C. Es ist die Hauptquelle für Naphthalin und Phenole.
  • Schweröl / Kreosotöl (ca. 8–11 %): Siedet bei ca. 240–300 °C.
  • Anthracenöl (ca. 16–20 %): Siedet bei ca. 300–400 °C. Es enthält primär Anthracen, Phenanthren und Carbazol.
  • Pech / Teerpech (ca. 50 %): Der verbleibende, nicht flüchtige Rückstand.

Temperaturen bis 170 °C erzeugten die Alchemisten im Sandbad (Balneum Arenae),  Temperaturen zwischen 170–240 °C im Aschebad (Balneum Cineris )und Temperaturen von 300–400 °C im Eisenbad. Das Destillationsgefäß (oft aus hitzebeständigem Ton, da Glas bei 400 °C weich wird) wurde dazu direkt in eine schwere Eisenpfanne gesetzt, die über dem Feuer stand.