Wunder der Evolution
Die Evolution hat in rund 3,8 Milliarden Jahren aus einfachen Einzellern die heutige gigantische Artenvielfalt auf der Erde hervorgebracht. Motor dieser Entwicklung waren die Evolutions-Mechanismen der Mutation, Rekombination und natürlichen Selektion. So entstanden und entstehen fortlaufend verblüffende Anpassungen an neue Lebensräume. Einige herausragende Beispiele:
- Das Auge: Von einfachen lichtempfindlichen Zellen bei Quallen entwickelte sich über Jahrmillionen das hochentwickelte Linsenauge der Wirbeltiere.
- Die menschliche Hand: Ein hochsensibles Präzisionswerkzeug mit opponierbarem Daumen, das unsere Kultur, den Werkzeugbau und die Gehirnentwicklung maßgeblich prägte.
- Die Feder: Ursprünglich von Dinosauriern als Wärmeschutz oder zur Balz genutzt, ermöglichte sie Vögeln später den evolutionären Sprung in die Luft.
- Das Ei: Reptilien entwickelten Eier mit einer schützenden, kalkhaltigen Schale und einer inneren Fruchtblase (Amnion). Die Fortpflanzung wurde komplett vom Wasser unabhängig. Amphibien hingegen mussten ihre Eier noch im Wasser ablegen.
- Giftdrüsen: Die anatomische Umwandlung von harmlosen Enzymdrüsen im Mundbereich zu hochspezialisierten Giftsynthese-Organen bei Schlangen und Raubschnecken. Der Übergang von einer physischen Überwältigung der Beute (die riskant ist und Energie kostet) zu einer chemischen Lähmung.
- Kaumagen-Anatomie: Da Vögel aus Gewichtsgründen (Flugfähigkeit) schwere Kiefer und Zähne verloren haben, entwickelten sie einen zweigeteilten Magen: den Drüsenmagen und den extrem muskulösen Kaumagen.
Das Wunder der evolutionären Anpassung hat im Laufe der Jahrmillionen verblüffende Überlebensstrategien hervorgebracht. Lebewesen passen sich an extremste Umweltbedingungen an, oft mit Fähigkeiten die wie Science-Fiction anmuten. Zahlreiche biochemische Evolutionsschritte in der Geschichte der Erde gingen Hand in Hand mit stammesgeschichtlichen Abwandlungen von Organen oder Körperteilen über Jahrmillionen hinweg, um sich an neue Umweltbedingungen oder Funktionen anzupassen.
Biolumineszenz: Lebewesen wie der Leuchtkäfer (Glühwürmchen), Tiefseefische oder bestimmte Pilze erzeugen aus eigener Kraft kaltes Licht. Sie nutzen dafür die chemische Reaktion von Luciferin und dem Enzym Luciferase. Das Luciferin reagiert mit Sauerstoff (O₂). Luciferase beschleunigt diese Reaktion. Es entsteht ein instabiles Zwischenprodukt (Oxyluciferin). Beim Zurückfallen in den Grundzustand gibt es Energie fast ausschließlich als kaltes Licht ab. Es entsteht kaum Wärme. Im Gegensatz zur Biolumineszenz wird bei der Biofluoreszenz kein Licht selbst produziert. Viele Frösche, Salamander, Molche, Chamäleons, Skorpione, Schnabeltiere und viele Korallen absorbieren unsichtbares UV- oder blaues Licht und strahlen es sofort in einer anderen, leuchtenden Farbe (meist Neon-Grün, Rot oder Blau) wieder aus.
Bio-Elektrizität: Manche Tiere erzeugen kein Licht, sondern starke elektrische Felder durch umgewandelte Muskelzellen (Elektrozyten). Zitteraale oder Zitterrochen nutzen diese Energie entweder als biologisches Radar zur Orientierung im Schlamm oder als Waffe, um Beute mit Stromschlägen zu betäuben.
Fotosynthese ist der wichtigste biochemische Prozess auf der Erde, bei dem grüne Pflanzen, Algen und manche Bakterien mithilfe von Sonnenlicht aus Kohlenstoffdioxid und Wasser energiereiche Glukose und Sauerstoff herstellen. Dieser Vorgang findet in den Chloroplasten der Pflanzenzellen statt. Das im grünen Pflanzenfarbstoff Chlorophyll gebundene Sonnenlicht liefert dafür die notwendige Energie:
6 CO2+6 H2O+Lichtenergie→C6H12O6+6 O2
Metamorphose beschreibt Prozesse, bei denen sich die äußere Gestalt, die Struktur oder die Zusammensetzung eines Objekts oder Lebewesens grundlegend verändert:
- Holometabolie (vollständige Metamorphose): Das Tier durchläuft ein Ruhestadium (Puppe), in dem sich der Körper völlig neu formiert. Ein klassisches Beispiel ist die Transformation von der Raupe zum Schmetterling.
- Hemimetabolie (unvollständige Metamorphose): Es gibt kein Puppenstadium. Die Larven (Nymphen) sehen dem erwachsenen Tier bereits ähnlich und häuten sich mehrfach (z. B. bei Heuschrecken oder Libellen)
Amphibien-Metamorphose: Kaulquappen-Stadium: Das aquatische Larvenstadium. Die Larve besitzt Kiemen, einen Ruderschwanz und ernährt sich meist von Algen. Klimax der Metamorphose: Die Phase der extremsten optischen Veränderung. Kiemen und Schwanz bilden sich zurück, Lungen und Beine entstehen. Adultstadium: Das fertige, landlebende Amphibium (z. B. der Frosch) .
Gesteinsmetamorphose: die Umwandlung von Gesteinen im Erdinneren. Unter extremem Druck und hohen Temperaturen verändern sich die Minerale und die Struktur des Ausgangsgesteins, ohne dass das Material dabei schmilzt. So entsteht beispielsweise aus Kalkstein der deutlich härtere Marmor.
Pflanzliche Metamorphosen sind evolutionäre Anpassungen der Grundorgane (Wurzel, Sprossachse oder Blatt) an besondere Umweltbedingungen. Kakteendornen sind beispielsweise metamorphosierte Blätter, die als Verdunstungs- und Fraßschutz dienen.
Echolokation: Einige Tiere senden hochfrequente Schallwellen (Ultraschall) aus, die für das menschliche Ohr meist unsichtbar und unhörbar sind. Die Schallwellen prallen an Objekten ab und kehren als Echo zurück. Das Gehirn des Tieres berechnet aus der Zeitdauer und dem Winkel des Echos ein extrem präzises, dreidimensionales Bild seiner Umgebung. So können etwa Fledermäuse in absoluter Dunkelheit millimeterkleine Insekten jagen. Auch Zahnwale (wie Delfine und Schwertwale) nutzen das Sonar, um im trüben oder tiefen Wasser Beute über kilometerweite Strecken zu orten.
Magnetorezeption: Viele Tiere besitzen die Fähigkeit, das unsichtbare Magnetfeld der Erde wahrzunehmen, um sich über gewaltige Distanzen zu orientieren. In den Zellen (oft im Schnabel, in den Augen oder im Gehirn) befinden sich winzige Kristalle des magnetischen Minerals Magnetit oder spezielle Proteine (Kryptochrome im Auge), die auf Magnetfelder reagieren und Nervenimpulse auslösen. Zugvögel, Meeresschildkröten und Lachse nutzen diesen eingebauten Kompass für ihre weltweiten Wanderungen, um präzise an ihren Geburtsort zurückzufinden.
Kryobiose: Dieser physiologische Zustand der Lebensverzögerung erlaubt es Tieren, extreme Kälte zu überleben, indem sie ihren Stoffwechsel nahezu vollständig herunterfahren und das Einfrieren ihrer Körperzellen kontrollieren. Die Tiere produzieren körpereigene Frostschutzmittel (wie Glycerin oder Glukose) in extrem hohen Konzentrationen. Dies senkt den Gefrierpunkt der Körperflüssigkeiten. Wasser wird gezielt aus den Zellen in die Zwischenräume geleitet, damit spitze Eiskristalle nicht die empfindlichen Zellwände zerstören. Der nordamerikanische Waldfrosch erstarrt im Winter regelrecht zu einem Eisblock. Sein Herz hört auf zu schlagen, im Frühjahr taut er unbeschadet wieder auf.
Kryptobiose: Dieser Prozess beschreibt den extremsten Zustand der Lebensverzögerung. Organismen entziehen ihrem Körper bei extremer Trockenheit fast das gesamte Wasser (bis zu 99 %). Der Stoffwechsel bricht vollständig zusammen und sinkt auf 0 % der normalen Aktivität. Das Tier befindet sich in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Der Körper ersetzt das Wasser in den Zellen durch spezielle Zuckerstrukturen (Trehalose), die die Zellwände wie Glas stabilisieren und vor dem Zerfall schützen. Sobald das Tier wieder mit Wasser in Berührung kommt, saugt es sich voll und wacht innerhalb von Minuten unbeschadet auf. Bärtierchen (Tardigraden) und Fadenwürmer überleben so jahrzehntelang ohne Nahrung, extreme Hitze, das Vakuum des Weltalls und intensive Strahlung.
Mimese und Mimikry: Bei der Mimese nimmt ein Tier die Gestalt, Farbe und Struktur seiner unbelebten Umgebung an, um unsichtbar zu werden. So sehen Wandelnde Blätter (Insekten) exakt aus wie Laub; Spannerraupen wiederum gleichen kleinen Baumzweigen. Bei der Mimikry ahmt ein harmloses Tier die optischen Warnsignale (Farben, Muster) einer wehrhaften oder giftigen Art nach. Die völlig harmlose Schwebfliege sieht beispielsweise aus wie eine wehrhafte Wespe, um Angreifer abzuschrecken.
Autotomie: Ein radikaler Abwehrprozess, bei dem ein Tier im Moment höchster Gefahr aktiv und bewusst ein eigenes Körperteil abwirft, um das eigene Leben zu retten. An bestimmten Gelenken oder Knochenbruchstellen befinden sich Muskeln, die sich bei Gefahr so stark zusammenziehen, dass das Körperteil sauber abreißt. Gleichzeitig schließen sich die Blutgefäße sofort, sodass das Tier nicht verblutet. Das abgeworfene Teil zappelt oft weiter, um den Angreifer abzulenken. So werfen z. B. Eidechsen ihren Schwanz ab; viele Spinnen, Krebse und Tintenfische opfern Beine oder Arme, die bei den nächsten Häutungen oft schrittweise nachwachsen.
Morphallaxis & Epimorphose: Dabei handelt es sich um biochemische Prozesse des vollständigen Wiederaufbaus verloren gegangener Organe oder ganzer Körperhälften. Amputierte Zellen verwandeln sich zurück in Stammzellen (Blastem). Diese Zellen teilen sich rasant und „wissen“ genau, welches Körperteil fehlt. Sie bauen Knochen, Muskeln, Nerven und Blutgefäße eins zu eins wieder nach. Der Axolotl kann ganze Gliedmaßen, Teile des Herzens und sogar Bereiche seines Gehirns narbenfrei regenerieren. Schneidet man einen Planarien-Plattwurm in Stücke, wächst aus jedem einzelnen Teil ein neuer, vollständiger Wurm heran.
Häutung (Ecdysis): Da die äußere Hülle (das Exoskelett) von Gliederfüßern aus starrem Chitin besteht und nicht mitwächst, müssen die davon betroffenen Tiere ihre alte Haut in einem hormonell gesteuerten Prozess periodisch abstreifen. Unter der alten, harten Schale wird eine neue, noch weiche Haut gebildet. Das Tier pumpt sich mit Luft oder Wasser auf, bis die alte Hülle aufplatzt. Nach dem Schlüpfen ist das Tier für einige Stunden völlig schutzlos („Butterkrebs“), bis die neue Rüstung an der Luft aushärtet. Viele Insekten (wie Spinnen, Käfer, Libellen) und alle Krebstiere durchlaufen diesen gefährlichen, aber lebensnotwendigen Wachstumsprozess.
Transdifferenzierung: Dieser zelluläre Prozess einer biologischen Verjüngung erlaubt es einem Organismus, gealterte oder spezialisierte Zellen direkt in einen völlig anderen Zelltyp umzuwandeln – und so den biologischen Alterungsprozess umzukehren. Statt zu sterben, baut das Tier seine Zellen genetisch so um, dass sie in einen unreifen Zustand zurückversetzt werden. Der gesamte Körper formiert sich neu und fängt biologisch wieder von vorne an. Die „unsterbliche Qualle“ (Turritopsis dohrnii) nutzt diesen Prozess. Bei Stress, Verletzung oder Alterung sinkt sie auf den Meeresboden und verwandelt sich zurück in ein junges Polypen-Stadium, aus dem wieder neue Quallen entstehen..
Chemische Thermogenese: Das ist die Fähigkeit einiger Tiere, durch das exakte Mischen von körpereigenen Chemikalien eine kochend heiße, explosive Abwehrflüssigkeit zu erzeugen. Im Hinterleib des Tieres lagern getrennt zwei chemische Verbindungen (Hydrochinon und Wasserstoffperoxid). Bei Gefahr werden sie in einer Reaktionskammer mithilfe von Enzymen gemischt. Es kommt zu einer schlagartigen, extremen Hitzeentwicklung und Gasbildung. Der Bombardierkäfer schießt seinem Angreifer eine exakt gezielte, rund 100 Grad heiße Ätzflüssigkeit entgegen. Eine andere Strategie ist die Explosive Verteidigung (Autothysis): Die Ameisenart Colobopsis saunders treiben die Verteidigung auf die Spitze. Bei einem Angriff spannen sie ihre Bauchmuskeln so stark an, dass ihre eigenen Körperwände platzen. Dabei spritzt eine klebrige, giftige Flüssigkeit umher, die den Feind immobilisiert oder tötet.. Termiten der Art Neocapritermes taracua entwickeln blaue Kristalle auf ihrem Rücken. Greifen Feinde an, lassen sie ihren eigenen Körper explodieren. Die Kristalle vermischen sich mit Körperflüssigkeiten zu einem giftigen Brei, der Angreifer lähmt.
Weitere Tiere die ähnliche chemische Waffen, Fernkampfangriffe oder explosive Verteidigungsmechanismen nutzen:
- Schützenfische schießen mit einem gezielten Wasserstrahl Insekten von Blättern über der Wasseroberfläche, um sie zu fressen
- Peitschenskorpione spritzen bei Bedrohung ein hochkonzentriertes Gemisch aus Essigsäure und Caprylsäure aus ihrem Hinterleib. Das Gemisch verätzt die Augen von Angreifern
- Speikobras spritzen ihr Gift durch kleine Öffnungen in den Giftzähnen direkt in die Augen von Feinden. Sie treffen auf bis zu drei Meter Entfernung extrem präzise
- Ölkäfer scheiden das hochgiftige Cantharidin aus ihren Kniegelenken aus. Die Flüssigkeit verursacht schmerzhafte Verätzungen und Blasen auf der Haut.
- Stinktiere verteidigen sich mit einem extrem übelriechenden Sekret aus ihren Analdrüsen. Sie können die Flüssigkeit mehrere Meter weit direkt auf das Gesicht des Angreifers sprühen
Nutzung chemischer Reaktionen, extremen Druck oder physikalischer Kräfte
Kollektive Thermogenese: Japanische Honigbienen nutzen diese Abwehrstrategie . Sie bilden eine dichte Kugel um ihren Erzfeind, eine eingedrungene Asiatischen Riesenhornisse. Durch extremes Vibrieren ihrer Flugmuskeln erhitzen sie das Innere der Kugel auf exakt 47 °C. Die Hornisse stirbt an der Hitze, während die Bienen diese Temperatur gerade noch tolerieren.
Knallkrebse: wehren sich mit Hilfe chemischer Reaktionen & Hitzeerzeugung. Diese Krebse erzeugen eine kollabierende Kavitationsblase. Sie lassen ihre Schere so schnell zuschnappen, dass ein extrem schneller Wasserstrahl entsteht. Der Druckabfall erzeugt eine Gasblase, die implodiert. Dabei entsteht für einen Sekundenbruchteil eine Temperatur von über 4.500 °C (fast so heiß wie die Sonne) und ein Knall von 200 Dezibel, der Beute betäubt.
Speispinne: Diese Spinne schleicht sich an und schießt in weniger als einer Millisekunde ein zickzackförmiges Netz aus Leim und Gift aus ihren Kieferklauen. Das Gemisch wird durch den hohen Druck in der Spinne wie aus einer Spritzpistole herausgekatapultiert und fesselt das Opfer am Untergrund.
Seewalzen (Cuviersche Schläuche): Bei Gefahr stoßen diese Meerestiere klebrige Schläuche aus ihrem After aus. Diese Schläuche dehnen sich im Wasser schlagartig aus, werden extrem klebrig und verheddern den Angreifer. Einige Arten stoßen dabei auch das Gift Holothurin aus.
Hornkröten (Phrynosoma): Diese Echsen können den Blutdruck in ihrem Kopf so stark erhöhen, dass die feinen Kapillaren in ihren Augenlidern platzen. Sie schießen dann einen gezielten Blutstrahl aus den Augen, der bis zu 1,5 Meter weit fliegt. Das Blut schmeckt für Raubtiere wie Hunde oder Kojoten extrem widerlich.