Stigmata

Als Stigmatisation  wird das Auftreten von Wunden am Körper eines lebenden Menschen bezeichnet, die aus einer spezifischen religiösen Haltung als Wundmale Christi gedeutet werden. Die auftretenden Male gelten als nicht therapierbar, sollen aseptisch sein und zu keiner Wundinfektion führen. Meist sollen sie periodisch in Zeiten, die liturgisch mit der Passion verbunden sind, bluten. Stigmatisation ist im Alten Testament unbekannt. Die Anzahl der Träger mit sichtbaren und spontan blutenden Wundmalen dürfte 100 nicht überschreiten. Der Arzt Franz Lothar Schleyer wies 1948 für eine medizinische Studie knapp 70 gesicherte Fälle nach. Fast immer zeigen (meist sehr junge) Frauen dieses Phänomen; es soll sich dabei meistens um Frauen aus der ländlichen Unterschicht gehandelt haben, mit geringer Schulbildung, starker Verwurzelung im katholischen Glauben und frühem Interesse für Mystik, verbunden mit ebenfalls früher Kränklichkeit.

Der Begriff Stigmata findet seine früheste religiöse Erwähnung im Neuen Testament. Der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief: „Ich trage die Malzeichen (Stigmata) Jesu an meinem Leib“. Auf dem Berg La Verna soll Franz von Assisi  1224 während eines intensiven Gebets eine Vision eines Seraphs (eines Engels) gehabt haben. Danach erschienen an seinen Händen, Füßen und seiner Seite Wundmale, die denen des gekreuzigten Christus glichen. Die Kirche verhält sich gegenüber Stigmata traditionell skeptisch und zurückhaltend.  Bevor ein Fall anerkannt wird, müssen Betrug, Selbstverstümmelung oder rein psychische Ursachen (wie Hysterie oder extreme Autosuggestion) ausgeschlossen werden. Die Stigmata von Franz von Assisi wurden 1228 im Rahmen seiner Heiligsprechung durch Papst Gregor IX. kirchlich anerkannt. Gregor IX. gab an, durch eine wundersame Erscheinung von der Göttlichkeit der Stigmata überzeugt worden zu sein.

Padre Pio mit StigmataDer Begründer des Ordens der Minderbrüder Franz von Assisi und der Kapuziner und Ordenspriester Pio von Pietrelcina, bekannter als Pater Pio, sollen die einzigen männlichen Stigmatisierten gewesen sein. Letzterer soll auch über die Gaben des Heilens, der Prophetie und der Seelenschau verfügt habe. Der erste von der römisch-katholischen Kirche anerkannte Fall von Stigmatisation ist der des Franz von Assisi. Seine Stigmatisation soll sich am 14. September 1224 ereignet haben, wurde aber erst mit seinem Tode bekannt. Als sich Franz von Assisi im Spätsommer des Jahres 1224 auf den Berg La Verna zurückzog, wo er seit 1212 eine kleine Felsnische als Einsiedelei benutzte, soll ihm ein am Kreuz hängender Mann erschienen sein. Über die Deutung dieser Erscheinung sinnierend, seien bei Franziskus nach Aussage der Biographen selbst Wundmale sichtbar geworden, die sie als Einprägung der Wundmale Christi deuteten. Bei der Heiligsprechung des Franz von Assisi benannte Papst Gregor IX. die Stigmatisation als entscheidendes Argument. Die erste Frau, die Stigmata erhalten haben soll, war die Mystikerin Christina von Stommeln (1242–1312), deren Reliquien sich heute in Jülich befinden; eine Wunderheilung des Grafen Dietrich IX. von Kleve sorgten für eine lokale Verehrung, aufgrund derer sie 1908 seliggesprochen wurde. Am Schädel der Seliggesprochenen sind Spuren zu sehen, die als Spuren einer Dornenkrone gedeutet werden. Zu den bekannten Stigmatisierten in neuerer Zeit zählen die Augustiner-Chorfrau und Mystikerin Anna Katharina Emmerick, Maria von Mörl, die Tiroler Adelige und die Mystikerin Therese Neumann aus Konnersreuth. Zeit ihres Lebens und auch in den Jahrzehnten danach lehnte die offizielle Kirche eine formelle Anerkennung ihrer Stigmata als Wunder ab. Zu Lebzeiten von Therese Neumann gab es mehrere medizinische Untersuchungen, die sowohl ihre Stigmata als auch ihre behauptete Nahrungslosigkeit prüfen sollten. Auf Anordnung des Bischofs von Regensburg wurde Therese Neumann 15 Tage lang rund um die Uhr von ihrem Hausarzt, Dr. Otto Seidl, und vier Franziskanerschwestern beobachtet. Die Schwestern bestätigten, dass sie außer einer täglichen winzigen Hostie weder feste Nahrung noch Flüssigkeit zu sich nahm. Dr. Otto Seidl, der an die Echtheit der Phänomene glaubte, diagnostizierte damals dennoch eine Form von „Hysterie“ (nach damaligem medizinischem Verständnis eine psychogene Ursache für körperliche Symptome). Während der Blutungen erlebte Therese Neumann spezifische Visionen, wobei diese während der Fastenzeit (Passionszeit) an Intensität zunahmen. In ihren Ekstasen „sah“ und „erlebte“ sie die gesamte Passion Jesu – vom Gebet im Garten Gethsemane über die Geißelung und Dornenkrönung bis hin zur Kreuzigung und dem Tod am Kreuz. Während sie die Szenen vor ihrem geistigen Auge sah, begannen ihre Stigmata (Hände, Füße, Seite und später auch Kopf und Rücken) zu bluten. Besonders dramatisch waren die „Bluttränen“, die aus ihren Augen liefen. Ein besonders rätselhafter Aspekt war, dass sie während der Visionen Sätze in einer Sprache rief, die Experten als Aramäisch identifizierten – die Sprache Jesu. Sie soll dabei Dialekte und Begriffe verwendet haben, die sie als einfache Bauernmagd eigentlich nicht kennen konnte. Am 13. Februar 2005 eröffnete der damalige Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, mit Zustimmung des Vatikans das offizielle Seligsprechungsverfahren. Mit der Eröffnung des Prozesses erhielt Therese Neumann den Titel „Dienerin Gottes“. Das Verfahren ist jedoch (Stand März 2026) noch nicht abgeschlossen. Für eine tatsächliche Seligsprechung muss der Vatikan zusätzlich ein auf ihre Fürsprache gewirktes, wissenschaftlich nicht erklärbares Wunder offiziell anerkennen.

Eine weitere  Stigmatisierte war die französische Mystikerin Marthe Robin. Bekannte zeitgenössische Stigmatisierte sind der italienische Ordensmann Bruder Elia (* 1962), die griechisch-katholische Syrerin Myrna Nazzour (* 1964) und   Mariam Thresia Chiramel Mankidiyan, eine indische Ordensschwester der syro-malabarischen Kirche.

Einige Mediziner und Theologen gehen von einer überwiegend natürlichen, psychogenen Ursache der Stigmatisation aus. So können die Stigmata im Rahmen einer psychosomatischen Symptombildung auf dem Hintergrund intensiver religiöser Phantasien spontan, das heißt ohne Manipulation, entstehen. Andere Mediziner meinen Stigmata seien vielfach die Folge von „dissoziativen Identitätsstörungen, d. h. die Verletzungen werden von einem abgespaltenen Teil der Persönlichkeit selbst zugefügt und können deshalb nicht erinnert werden. 

Die Behauptung, dass offene Wunden über viele Jahre hinweg (bei Pater Pio sogar 50 Jahre lang) nicht heilten, sich aber auch nicht entzündeten oder eiterten und dies medizinisch nicht erklärt werden könne, ist umstritten. Als er im Alter von 81 Jahren starb, verschwanden die Stigmata angeblich. Es gibt vier gleichberechtigte Hypothesen, wie die bei Pater Pio festgestellten Wunden entstanden sein könnten: 

  • selbst zugefügt ab intrinseco (aufgrund einer innewohnenden krankhaften Veranlagung)
  • selbst zugefügt ab extrinseco (durch Suggestion oder mutwillige Anwendung künstlicher Mittel)
  • Stigmata göttlichen Ursprungs
  • Stigmata teuflischen Ursprungs

Handstigmata sind in der Regel auf der Handinnenseite oder dem Handrücken zu sehen. Es gilt heute jedoch als wahrscheinlich, dass bei antiken Kreuzigungen der Nagel in der Nähe der Handwurzel zwischen Elle und Speiche des Unterarms eingeschlagen wurde. Merkwürdig ist, dass die Wunden bei Stigmatisierten meist so auftreten, wie die Annagelung Jesu am Kreuz künstlerisch dargestellt wird. Zeigen sich die Kreuzeswunden Jesu am Handrücken, dann haben die Personen dort Wunden am Handrücken. Werden hingegen Wunden an den Gelenken dargestellt, treten sie auch dort auf.