Alchemistische Rezepte

In Schriften verschiedener Alchemisten sind alchemistische Rezepte bzw. diese oder jene Mitteilung über die Tinkturherstellung zu finden. Möglich ist es jedoch das in den verschiedenen Rezepten nicht restlos alles steht, was zu jener Herstellung nötig ist. Oder ob nicht vielleicht ein noch erforderlicher letzter Kunstgriff oder wichtiger Umstand absichtlich keine Erwähnung gefunden hat. Dies wäre darauf zurückzuführen, dass die Alchemisten seit alters her die Mittelung des Geheimnisses der Tinkturherstellung an profane Menschen für eine schwere Sünde hielten. Der Alchemist Raimund Lullus sagte z. B.  in seinem Werk „Testamentum novissimum“ (London 1552),  wer das Geheimnis offenbare, werde am jüngsten Gericht verdammt werden. Und der Alchemist Arnald de Villanova versichert in seinem Werk „Rosarium“ (Rosengarten), wer das Geheimnis Unbefugten preisgebe, der sei verflucht und werde am Schlagflusse (Schlaganfall) sterben.

Herstellung der Jungfernmilch (Rezept von Raimundus Lullus): Quecksilberchlorid wird in Königswasser aufgelöst. Diese Lösung ist dann 14 Tage bei 60 °C bis zu 70  °C in Pferdemist zu digerieren und das Flüssige dann abzudestillieren. Dieses ist dann die Jungfernmilch.
Chemische Reaktion: Das Königswasser löst das Quecksilbersalz vollständig auf und oxidiert es maximal. Die konstante Wärme des Pferdemists sorgt über zwei Wochen dafür, dass die chemische Reaktion vollständig abläuft. Beim anschließenden Abdestillieren verdampfen die flüchtigen Bestandteile. Da Quecksilberchlorid beim Erhitzen sublimiert (direkt vom festen in den gasförmigen Zustand übergeht) und sich in den Dämpfen der starken Säuren löst, geht das hochgiftige Quecksilber in das Destillat über. Das Destillat (H2O + HCl + HgCl2 – die alchemistische „Jungfernmilch“ – ist eine wässrige Lösung von Quecksilberverbindungen.
Herstellung des Mercurius Philosophorum (Rezept von Raimundus Lullus): Mit der Jungfernmilch wird fein zerteiltes Silber zwei Finger hoch übergossen und gewartet bis sich daraus ein Amalgam gebildet hat. Dieses Amalgam wird solange mit Jungfernmilch behandelt, bis es hinreichend flüssig geworden ist, um sich durch ein Tuch drücken zu lassen. Dieses durchgedrückte Amalgam wird mit der Hälfte (seines Gewichts) fein zerteilten Silbers vermischt und die Mischung solange digeriert bis sie flüssig wird. Das ist der Merkur der Weisen. öst sich das Silber im Quecksilber auf.  Das Endprodukt ist hochkonzentriertes, homogenes, flüssiges Silberamalgam.
Chemische Reaktion: Die Jungfernmilch enthält, wie im vorigen Schritt berechnet, gelöstes Quecksilber(II)-chlorid (HgCl₂) und Salzsäure (HCl). Silber (Ag) ist unedler als Quecksilber (Hg). Sobald das feine Silberpulver hinzugefügt wird, kommt es zu einer Redoxreaktion. Das Silber gibt Elektronen ab und geht in Lösung, während die Quecksilberionen zu elementarem, flüssigem Quecksilber reduziert werden. Durch das ständige Übergießen mit der Jungfernmilch wird immer mehr Silber oxidiert und als Silberchlorid ausgefällt. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis im Amalgam: Der Silberanteil sinkt, der Anteil an flüssigem Quecksilber steigt. Ein silberreiches Amalgam ist knetbar oder fest. Je mehr Quecksilber vorhanden ist, desto flüssiger wird es. Sobald es dünnflüssig genug ist, kann man es durch ein Tuch pressen. Dabei bleiben feste Verunreinigungen (wie das ausgefällte Silberchlorid-Pulver) im Tuch zurück, während das flüssige, silberhaltige Quecksilber durchgelassen wird. Dem flüssigen Amalgam wird wieder feines Silberpulver zugesetzt. Bei der anschließenden Digestion l
1 Pfund (250 gr) gelber Sand oder Quarz

  1. ausglühen und pulverisieren
  2. in aqua regis (4 Lot) lösen
  3. im Sandbad 6 Stunden digerieren
  4. erkalten lassen und das rotgelbe Wasser abgießen
  5. den Bodensatz erneut in aqua regis lösen (gleiches Verfahren wie unter Nr. 3) solange bis sich kein farbige Flüssigkeit mehr bildet
  6. Die Extraktionen zusammen gießen
  7. Die Hälfte überdestillieren
  8. Auf den verbleibenden Rest 4 Lot Vitriolöl (hochkonzentrierte Schwefelsäure) giessen
  9. Bis fast aufs Trockene abstrahieren (abziehen)
  10. Mit starkem Feuer den Rest überdestillieren
  11. Der Bodensatz muss rot sein
  12. Den Bodensatz in starken Weinessiggeist (Aceton) lösen (dann gleiches Verfahren wie Nr 9,10 bis ein Bodensatz erlangt wird
  13. Den Bodensatz klein reiben und ausglühen
  14. mit rein sublimiertem Quecksilber (gleiche Menge wie Bodensatz) und halbe Menge Salarmoniac (Salmiak) vermischen
  15. Dann mit allmählich erstarkendem Feuer überdestillieren bis zum Bodensatz
  16. Erkalten lassen, klein reiben
  17. in starkem Weingeist (Ethanol )lösen
  18. 24 Stunden digerieren
  19. Der Weingeist färbt sich
  20. Filtrieren
  21. Bodensatz extrahieren
  22. alles zusammengießen
  23. mittels gelindem Frauenbad den Weingeist überdestillieren
  24. Die Essez bleibt als eine Lauge zurück
  25. Lauge in Abdunstschale gießen 
  26.  Bodensatz mit Wasser auslaugen, filtrieren und zu der Lauge in der Schale gießen
  27. Wieder abdunsten lassen (aber mit Papier bedecken)

Ergebnis: ein durchsichtiges wie reines Gold gefärbtes Salz