Das Mysterium der Zeit

Was ist Zeit? Diese Frage beschäftigt  die Menschheit seit Jahrtausenden. 

In der Naturwissenschaft ist Zeit eine fundamentale, messbare Basisgröße.  Sir Isaac Newton definierte die Zeit als ein absolutes, unendlich fließendes Hintergrundmedium, das völlig unabhängig vom Universum und den darin stattfindenden Ereignissen existiert. Sie fließt überall im Universum vollkommen gleichmäßig und unerbittlich von der Vergangenheit in die Zukunft.  Der deutsche Physiker Albert Einstein zerstörte Newtons Begriff von Zeit mit seiner Rlativitätstheorie. Nach seinem Verständnis ist Zeit relativ und untrennbar mit dem Raum zur Raumzeit verwoben. Zwei Ereignisse, die für einen ruhenden Beobachter gleichzeitig geschehen, laufen für einen bewegten Beobachter nacheinander ab.  Zeit vergeht langsamer, je schneller sich ein Objekt bewegt. Würde man mit einem Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit durch das All reisen, vergingen an Bord nur wenige Jahre, während auf der Erde Jahrhunderte verstreichen. Auf diesem Phänomen basiert das berühmte Zwillingparadoxon: Ein Zwillingspaar nimmt an einem physikalischen Gedankenexperiment teil: Zwilling A (Erde): Bleibt ruhig auf der Erde zurück. Zwilling B (Raumfahrer): Reist mit einem Raumschiff  wie Olaneten oder Sternebei fast Lichtgeschwindigkeit (v ≈ c) zu einem fernen Stern und kehrt danach sofort zur Erde zurück. Bei der Rückkehr ist Zwilling B (der Raumfahrer) deutlich jünger als Zwilling A (der Erdbewohner). Für den Raumfahrer ist die Zeit aufgrund der hohen Geschwindigkeit langsamer vergangen. Dieses Phänomen ist physikalisch real und experimentell (z. B. mit Atomuhren in Flugzeugen) bewiesen. In der Allgemeinen Relativitätstheorie fügt Einstein die Gravitation hinzu. Schwere Massen wie Planeten oder Sterne krümmen nicht nur den Raum, sondern verlangsamen auch den Fluss der Zeit. Je stärker die Gravitation an einem Ort ist, desto langsamer vergeht dort die Zeit. Einstein zeigte auch  das Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden sind. Beide verschmelzen zur vierdimensionalen Raumzeit. Jede Bewegung im Raum beeinflusst automatisch die Bewegung in der Zeit. Wenn sich ein Mensch extrem schnell durch den Raum bewegt, verbraucht er einen Teil seiner Bewegung, der dann in der Dimension der Zeit fehlt. Die Zeit vergeht für den Mensch dann langsamer. Für Einstein war die Trennung zwischen Verganwart, Gegenwart und Zukunft illusorisch, da im vierdimensionalen Universum der Raumzeit  lle Ereignisse gleichzeitig existieren.

Das große Rätsel der Physik ist, dass die grundlegenden Naturgesetze (wie die von Newton oder Einstein) „zeitreversibel“ sind – sie funktionieren vorwärts wie rückwärts. Der britische Astrophysiker Arthur Eddington postulierte 1928  daher die fundamentale Eigenschaft der Zeit, sich nur in eine einzige Richtung zu bewegen: von der Vergangenheit in die Zukunft. Diese Eigenschaft nannte er Zeitpfeil. Die Physik erklärt diesen unumkehrbaren Zeitpfeil über drei wesentliche Mechanismen:

 1) Der thermodynamische Zeitpfeil (Die Entropie)

Der wichtigste und fundamentale Zeitpfeil ist die Entropie. Er basiert auf dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Dieser bestimmt, warum Prozesse in der Natur unumkehrbar (irreversibel) sind. Die wichtigste Regel der Entropie besagt: In einem geschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab, sie kann nur gleich bleiben oder zunehmen. Ein geschlossenes System strebt von Natur aus immer nach dem Zustand der maximalen Unordnung. Z. B. fließt Wärme  immer von selbst vom heißeren zum kälteren Körper, niemals umgekehrt. Da das Universum das größte bekannte geschlossene System ist, steigt seine Gesamtentropie seit dem Urknall unaufhaltsam an. Das Universum wird wahrscheinlich, wenn auch erst in in Billionen von Jahren den Zustand der maximalen Entropie erreichen. In diesem Zustand (dem thermodynamischen Wärmetod) ist alle Energie vollkommen gleichmäßig verteilt. Es gibt keine Temperaturunterschiede mehr, keine Sterne, keine Bewegung und keine Information. Damit würde auch der Zeitpfeil aufhören zu existieren, da keine Veränderungen mehr stattfinden.

2) Der kosmologische Zeitpfeil (Die Expansion)

Seit dem Urknall dehnt sich das Universum unaufhaltsam aus. Der kosmologische Zeitpfeil zeigt in die Richtung der kosmischen Expansion. Würde das Universum irgendwann in ferner Zukunft wieder in sich zusammenstürzen, stellt sich die Frage ob sich der Zeitpfeil dann umkehren würde. Heute weiß man: Die Entropie würde dennoch weiter steigen, die Zeit liefe also auch beim Schrumpfen vorwärts. Dass der Urknall den Zeitpfeil gestartet hat, basiert auf einer zwingenden logischen Konsequenz der Thermodynamik. Wenn die Unordnung (Entropie) im Universum seit 14 Milliarden Jahren unaufhaltsam zunimmt, dann muss das Universum zu seinem Beginn in einem Zustand extrem niedriger Entropie – also in perfekter Ordnung gewesen sein. Diese fundamentale Ausgangsbedingung wird in der Kosmologie wird als  Vergangenheits-Hypothese (Past Hypothesis) bezeichnet. Das impliziert jedoch ein Paradoxon. Der junge Kosmos war ein extrem heißer, fast vollkommen gleichmäßiger, dichter Brei aus Materie und Strahlung. In der klassischen Thermodynamik ist ein völlig homogenes (gleichmäßig durchmischtes) Gas eigentlich der Zustand maximaler Unordnung. Warum war die Entropie beim Urknall also trotzdem extrem niedrig? Die Antwort lautet: Wegen der Gravitation. In einem expandierenden Universum kehrt die Schwerkraft die Regeln der Thermodynamik im kosmischen Maßstab um. Wenn ein Gas im Raum vollkommen gleichmäßig verteilt ist, zieht die Gravitation jedes Teilchen in alle Richtungen gleichzeitig. Das ist im Bezug auf die Schwerkraft ein Zustand höchster Instabilität und perfekter Ordnung. Schon winzigste Dichteschwankungen führten dazu, dass die Gravitation Materie an bestimmten Punkten zusammenzog. Aus dem glatten Brei entstanden Klumpen, daraus Gaswolken, daraus Sterne und Galaxien. Kosmisch gesehen bedeutet „Ordnung“ (niedrige Entropie) also eine glatte, gleichmäßige Verteilung. „Unordnung“ (hohe Entropie) bedeutet die Ballung von Materie in Sternen, Planeten und letztlich in Schwarzen Löchern, welche die absolute Maximalform der Entropie im Universum darstellen.

3) Der psychologische Zeitpfeil (Das Gedächtnis)

Der Mensch kann sich an die Vergangenheit erinnern, aber niemals an die Zukunft. Um Erinnerungen abzuspeichern, verbraucht d as menschliche Gehirn Energie und erzeugt dabei Wärme. Das bedeutet: Auch das Denken und Abspeichern von Informationen erhöht die Entropie. Der psychologische Zeitpfeil ist somit direkt an den thermodynamischen Zeitpfeil gekoppelt.

Der französische Philosoph Paul Janet begründete im Jahr 1897 eine bahnbrechende Theorie zur subjektiven Wahrnehmung der Zeit. Das Janetsche Gesetz  besagt, dass die subjektive Zeitwahrnehmung proportional zur bereits gelebten Lebensspanne verläuft: Für ein 5-jähriges Kind ist ein Jahr 1/5 (20 %) seines gesamten Lebens, während es für einen 50-jährigen Menschen nur noch 1/50 (2 %) ausmacht. Deshalb fühlt sich die Zeit im Alter an, als würde sie immer schneller vergehen. Die Theorie basiert auf vier Kernpunkten:

  1. Die proportionale Relation: Die subjektive Dauer eines Jahres steht in direktem Verhältnis zur Gesamtlebenszeit. Dabei ist ein Jahr kein absoluter Wert, sondern ein relativer Bruch des bisherigen Lebens. Die mathematische Basis dafür lautet: f(t)=1/t. (t\) steht für die Zeit (englisch time), konkret für das  aktuelle Lebensalter in Jahren. (f\) steht für die Funktion (den berechneten Wert), konkret für das subjektive Gewicht eines einzelnen Jahres im Verhältnis zum bisherigen Leben.
  2. Der Stauchungs-Effekt (Asymptotischer Abfall): Je älter ein Mensch wird, desto kleiner wird der relative Anteil eines einzelnen Jahres. Das bedeutet für ein Kleinkind ist ein Jahr eine Ewigkeit, für Senioren verfliegt es im Nu. Der gefühlte Wert eines Jahres sinkt im Laufe des Lebens unaufhaltsam gegen Null.
  3. Logarithmische Zeitmessung: Das Gehirn misst Zeiträume im Rückblick nicht linear, sondern logarithmisch. Für die Erinnerung an Zeiträume nutzt das Gehirn eine logarithmische Skala. Es ist ist kein digitaler Sekundenzeiger (wie eine Uhr), sondern ein biologischer Resonanzkörper, der auf proportionale Veränderungen reagiert. Das Gehirn setzt neue Zeiträume immer in Relation zu den bereits vorhandenen Abschnitten. Zeit wird gestaucht, je mehr Basiszeit schon vorhanden ist. In der Naturwissenschaft ist dies als Weber-Fechner-Gesetz bekannt. Es besagt, dass sich die subjektive Stärke eines Gefühls (Wahrnehmung) proportional zum Logarithmus des objektiven Reizes verhält. Subjektive Gleichheit entsteht durch die Verdopplung des Lebensalters. Das bedeutet im Kontext der Zeitwahrnehmung, dass sich zwei objektiv unterschiedlich lange Zeiträume im Rückblick für das menschliche Gehirn exakt gleich lang anfühlen. Die Phase von 10 bis 20 Jahren fühlt sich genauso lang an wie die Phase von 40 bis 80 Jahren.
  4. Das Phänomen der Retrospektive: Dieses Phänomen beschreibt den Widerspruch zwischen dem, wie der Mensch Zeit im aktuellen Moment erlebt, und dem, wie er sie im Nachhinein bewertet. Wenn der Mensch auf der Arbeit Routineaufgaben erledigt, zieht sich der Tag zäh wie Kaugummi. Die Zeit vergeht gefühlt extrem langsam. Schauen er nach einem Jahr voller Routine auf diese Zeit zurück, schrumpfen die Monate im Gedächtnis zusammen. Das Jahr verging gefühlt wie im Flug. Bei einem Urlaub ist es genau umgekehrt: In der Gegenwart (prospektiv) verfliegen die erlebnisreichen Tage rasend schnell. Im Rückblick (retrospektiv) fühlt sich der Urlaub jedoch lang an. Grund ist der sogenannte „Speicher-Effekt. D as Gehirn misst vergangene Zeit nicht in Minuten, sondern in der Anzahl neuer Erinnerungen. Neue Erlebnisse, Krisen oder emotionale Höhepunkte erzeugen viele „Gedächtnis-Bilder“. Das Gehirn schließt im Rückblick: „Da ist viel passiert, also muss viel Zeit vergangen sein.“ Routine, Gleichförmigkeit und Gewohnheit werden vom Gehirn als „redundant“ (überflüssig) eingestuft und gelöscht. Es bleiben kaum Bilder zurück. Im Rückblick kollabiert die Zeit zu einem winzigen Punkt.

Der US-amerikanische Physiologe Hudson Hoagland bewies Anfang der 1930er-Jahre, durch ein bahnbrechendes Experiment, dass die menschliche Zeitwahrnehmung direkt von der Körpertemperatur abhängt. Er gilt damit als einer der Pioniere bei der Erforschung der biologischen inneren Uhr des Menschen.  Die biologische innere Uhr des Menschen steuert fast alle lebenswichtigen Prozesse im 24-Stunden-Rhythmus. Die zentrale Steuereinheit, der suprachiasmatische Nukleus (SCN) sitzt direkt im Gehirn und reguliert den gesamten Organismus. Er liegt im Hypothalamus , besteht aus rund 20.000 Nervenzellen und synchronisiert alle Gewebe. Blaues Tageslicht signalisiert dem SCN über die Netzhaut den Beginn des Tages. Neben der Steuereinheit im Gehirn besitzt fast jede Zelle des Körpers eigene genetische Uhren. Herz, Leber, Nieren und Muskeln folgen eigenen zirkadianen Rhythmen, werden jedoch durch den zentralen SCN gesteuert und koordiniert. Während der SCN stark auf Licht reagiert, werden Organuhren (z. B. in der Leber) massiv durch Nahrungsaufnahme beeinflusst. Die innere Uhr reguliert den Körper über Hormone und Nervensignale in Wellenbewegungen. Z. B. Melatonin: dieses Schlafhormon steigt bei Dunkelheit an und sorgt für Müdigkeit. Umgekehrt funktioniert Cortisol: das Stresshormon wird am frühen Morgen ausgeschüttet, um den Körper aufzuwecken. Die Körpertemperatur sinkt nachts auf den Tiefpunkt und steigt tagsüber an . Der Blutdruck steigt nach dem Aufwachen steil an und reguliert sich im Laufe des Vormittags wieder. Die innere Uhr ist nicht verwechseln mit dem Biorhytmus. Erstere basiert auf messbaren, biochemischen Prozessen im Körper, während Biorhytmus (Theorie nach Swoboda/Fließ) ein rein rechnerisches Modell aus dem frühen 20. Jahrhundert ist. Es behauptet, dass der Mensch ab der Geburt starren, unveränderlichen Zyklen unterliegt – völlig unabhängig von Licht, Schlaf oder Genetik.

Doch zurück zum Experiment von Hoagland. Sein berühmtes Fieber-Experiment im Jahr 1933 basiert auf einer alltäglichen Beobachtung an Hoaglands eigener Ehefrau. Als seine Frau mit schwerem Fieber (knapp 40°) im Bett lag, verließ er das Krankenzimmer, um Fiebermedizin zu besorgen. Er blieb nur wenige Minuten weg. Bei seiner Rückkehr war seine Ehefrau aufgebracht. Sie war fest davon überzeugt, er habe sie weit über eine halbe Stunde  alleine gelassen. Hoagland nutzte diese Erkenntnis sofort für einen wissenschaftlichen  Test. Er bat seine fiebernde Frau die Sekunden zu zählen, bis sie dachte, eine Minute sei um. Hoagland stoppte die reale, physikalische Zeit mit einer Stoppuhr, während seine Frau zählte. Er wiederholte diesen Test mehrfach zu verschiedenen Tageszeiten bei unterschiedlichen Fiebertemperaturen seiner Frau. Die Messdaten zeigten eine präzise mathematische Abhängigkeit der Zeitwahrnehmung von der Körpertemperatur. Je höher das Fieber stieg, desto schneller zählte seine Frau. Bei der höchsten Fieberspitze schloss sie das Zählen bis 60 bereits nach 37 realen Sekunden ab. Sie dachte jedoch, es seien exakt 60 Sekunden vergangen. Dieses Experiment beweist, dass die innere Zeitschätzung des Menschen an chemische und metabolische Prozesse im Körper gekoppelt ist. Hoagland wendete auf die Daten die Arrhenius-Gleichung an – eine Formel aus der Chemie, die berechnet, wie stark sich chemische Reaktionen bei Temperaturerhöhung beschleunigen. Er stellte fest, dass die Beschleunigung der inneren Uhr exakt der theoretischen Beschleunigung chemischer Enzyme im Gehirn entsprach. Daraus schloss  Hoagland, das im menschlichen Gehirn eine „chemische Uhr“ (ein metabolischer Schrittmacher) existiert. Fieber dreht diese Uhr einfach künstlich vor. Der deutsche Biologe Jürgen Aschoff erforschte zwischen 1964 und 1989 in seinem berühmten Andechser Bunkerexperiment, in einem unterirdischen Bunker in Andechs (Bayern), wie der Mensch tickt, wenn er komplett von der Außenwelt isoliert ist. Er wollte herausfinden, ob der menschliche Schlaf-Wach-Rhythmus rein von äußeren Reizen (wie Sonnenlicht, Uhren, sozialen Kontakten) gesteuert wird oder ob der Körper einen endogenen (inneren), genetisch verankerten Taktgeber besitzt. Im Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Andechs wurde für die Durchführung des Experiments ein strahlungssicherer, schallisolierter Untertage-Bunker zu einer komfortablen Einzimmerwohnung umgebaut. Hunderte freiwillige Testpersonen lebten dort nacheinander jeweils für mehrere Wochen in absoluter Einsamkeit. Es gab keine Fenster, keine Uhren, kein Radio, kein Fernsehen und keine festen Essenszeiten. Die Probanden durften das Licht selbst an- und ausschalten und essen oder schlafen, wann immer sie wollten. Im Bunker versteckte Sensoren maßen kontinuierlich  Körpertemperatur, Urinzusammensetzung, Schlafphasen und die psychisch geschätzte Zeitwahrnehmung der Probanden. Ohne jeden Kontakt zur Außenwelt verfielen fast alle Testpersonen in einen regelmäßigen, aber von der Erdrotation abweichenden Rhythmus. Die innere Uhr lief „frei“. Bei den allermeisten Menschen stabilisierte sich der biologische Tag-Nacht-Rhythmus auf durchschnittlich 24,5 bis 25 Stunden. Bei einigen Langzeit-Probanden dehnte sich der Schlaf-Wach-Rhythmus plötzlich extrem aus (z. B. auf einen 36- oder 50-Stunden-Tag, bei dem sie 30 Stunden wach waren und 15 Stunden schliefen). Ihre vegetative Uhr (die periodischen Schwankungen der Körpertemperatur und der Hormone) lief stur im alten ~25-Stunden-Takt weiter. Die Probanden selbst bemerkten diese extreme Dehnung überhaupt nicht. Sie dachten, sie hätten einen völlig normalen 24-Stunden-Tag erlebt. Die Andechser Bunkereffekte lieferten den endgültigen Beweis für die Existenz des inneren Schrittmachers (SCN), der heute als biologische Uhr bekannt ist.

Die Erfindung der Zeitrechnung

Der römische Mönch Dionysius Exiguus (~470–~540 n. Chr.) begründete im Jahr 525 n. Chr. die christliche Zeitrechnung (Anno Domini). Papst Johannes I. beauftragte Dionysius im Jahr 525, neue Tabellen zur Berechnung des Osterdatums (sogenannte Ostertafeln) aufzustellen. Bis dahin war im Römischen Reich die „Diokletianische Ära“ üblich, die nach dem römischen Kaiser Diokletian benannt war. Das Jahr 1entspricht dem Jahr 284 n. Chr. unserer heutigen Zeitrechnung. Exiguus wählte stattdessen das Jahr der Fleischwerdung bzw. Geburt Jesu Christi (Anni ab Incarnatione Domini) als neue Basis für die Jahreszählung. Dionysius rekonstruierte das Geburtsjahr Jesu anhand historischer Quellen und der Evangelien. Er legte die Geburt Christi auf den 25. Dezember des Jahres 753 ab urbe condita (nach römischer Zählung ab der Gründung Roms) fest und bestimmte das darauffolgende Jahr als das Jahr 1.  Historiker stellten später fest,  dass sich Dionysius um einige Jahre geirrt hatte. Da König Herodes der Große – der laut den biblischen Berichten zur Zeit von Jesu Geburt noch lebte – bereits im Jahr 4 v. Chr. starb, wurde Jesus Christus tatsächlich etwa 4 bis 7 Jahre vor unserer Zeitrechnung geboren. : Dionysius kannte und nutzte die mathematische Zahl Null nicht. In seiner Zeitrechnung folgt auf das Jahr 1 vor Christus direkt das Jahr 1 nach Christus. Ein „Jahr Null“ existiert im christlichen Kalender daher nicht. Der englische Gelehrte und Historiker Beda Venerabilis griff die Zählweise im 8. Jahrhundert auf und machte sie in Westeuropa populär. Er schuf ein kohärentes System der Zeiterfassung und -berechnung, setzte die bis heute maßgebliche Zeitrechnung in Jahren nach Christi Geburt durch und schrieb die Ostertafeln des Dionysius Exiguus bis zum Jahr 1063 fort. Dionysius hatte die Jahre aber nur vorwärts ab der Geburt Jesu (nach Christus) gezählt. Beda stand bei seiner Geschichtsschreibung jedoch vor dem Problem, Ereignisse beschreiben zu müssen, die vor der Geburt Christi stattfanden (wie Julius Cäsars Britannienfeldzüge). Er führte dafür den Begriff ante incarnationis dominicae tempus („vor der Zeit der Fleischwerdung des Herrn“) ein und gilt damit als der Erfinder der Zeitrechnung „vor Christi Geburt“. Außerdem wies er einen Kalenderfehler nach, der erst im 16. Jahrhundert durch die gregorianische Kalenderreform behoben wurde, und berechnete (nicht nur aus biblischen Vorgaben) den 18. März 3952 v. Chr. als Anbeginn der Welt. Heute bildet seine Berechnung das Fundament des weltweit genutzten Gregorianischen Kalenders.

Ein direkter Vergleich der Zeitrechnung des Exiguus mit anderen historischen Kalendern zeigt das andere Kulturen völlig unterschiedliche Fixpunkte (Epochen) und astronomische Grundlagen (Sonne oder Mond) zur Strukturierung ihrer Jahre nutzten.

  • Die Seleukidische Ära: Dieses antike System war im Nahen Osten (Syrien, Mesopotamien) über ein Jahrtausend lang extrem weit verbreitet und prägte auch die jüdische Geschichtsschreibung (Makkabäerbücher). Es beginnt mit dem Einzug von Seleukos I. Nikator in Babylon im Jahr 312 v. Chr. Der Berechnung zugrunde lag ein reiner Solarkalender (Sonne), der den Beginn der seleukidischen Dynastie markiert. Das Jahr 1 n. Chr. ist das Jahr 313 der seleukidischen Ära.
  • Der Islamische Kalender: Die bis heute gültige Zeitrechnung der islamischen Welt hat eine völlig andere astronomische Basis. Sie beginnt mit der Auswanderung (Hidschra) des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Zugrunde liegt ein reiner Mondkalender. Ein Jahr hat nur 354 oder 355 Tage. Dadurch wandern die Monate und Feste (wie der Ramadan) im Laufe der Jahrzehnte durch alle vier Jahreszeiten. Da Mondjahre kürzer sind als Sonnenjahre, lässt sich die Zeitrechnung nicht einfach durch Subtraktion umrechnen. Das Jahr 1 n. Chr. entspricht im islamischen Kalender ungefähr dem Jahr 640 vor der Hidschra.
  • Der Jüdische Kalender: Er beginnt mit der Erschaffung der Welt (Creatio Mundi), die im Mittelalter (durch den jüdischen Philosophen, Rechtsgelehrten und Arzt Maimonides) mathematisch auf das Jahr 3761 v. Chr. berechnet wurde. Zugrunde liegt ein Lunisolarkalender. Die Monate folgen dem Mond, aber durch regelmäßige Schaltmonate (ein 13. Monat) wird das Jahr an das Sonnenjahr angepasst, damit die Erntefeste immer in der richtigen Jahreszeit liegen. Das Jahr 1 n. Chr. entspricht im jüdischen Kalender dem jüdischen Jahr 3761 (beziehungsweise dem Übergang zum Jahr 3762).
  • Die Maya-Zeitrechnung (Lange Zählweise): Startpunkt des aktuellen großen Zyklus, ist umgerechnet der August 3114 v. Chr. Grundlage ist ein reines Zählsystem basierend auf der Zahl 20 (Vigesimalsystem). Nach genau 13 Baktuns (ca. 5125 Jahren) endet ein großer Zyklus und beginnt von vorn.

Der britische Fotopionier Eadweard Muybridge  wiederum bewies dass Technologie die Zeit präziser erfassen und analysieren kann als die biologischen Sinne des Menschen. Er revolutionierte die visuelle Wahrnehmung, indem er 1878 die Zeit durch Reihenfotografie sozusagen „einfror“. Um die Bewegungsphasen eines galoppierenden Pferdes zu analysieren, installierte er 12 Kameras, die nacheinander ausgelöst wurden. Dies war die Geburt der Chronofotografie (Reihenfotografie). Sie basiert auf dem Prinzip, eine kontinuierliche Bewegung in mathematisch exakte Zeitintervalle zu zerlegen.