Naturwissenschaft oder Glaube
Wie steht es tatsächlich um das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Religion und Wissenschaft?
Gibt es einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube ? Eine komplexe Frage, die von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Glaube und Wissenschaft sind zwei verschiedene Wege, die Welt zu verstehen. Wissenschaft basiert auf Beobachtung und den Schlussfolgerungen aus diesen Beobachtungen. Glaube geht davon aus, dass Menschen tiefere Informationen erlangen können, die weder durch Beobachtung noch durch Schlussfolgerungen zugänglich sind. Wissenschaft basiert auf rationalen Erkenntnissen und empirischen Beweisen, während Glaube auf persönlichen Überzeugungen und spirituellen Erfahrungen beruht. Wissenschaft und Glaube können sich dennoch ergänzen indem sie unterschiedliche, aber wichtige Fragen nach der Realität beantworten. Auch Wissenschaftler können gläubig sein. So war etwa der britische Physiker, Mathematiker, Astronom und Philosoph Isaac Newton ein gläubiger Christ. Für ihn war die Erforschung der Natur untrennbar mit Frömmigkeit verbunden; das Universum zeige die Herrschaft eines intelligenten Schöpfers. Doch sowohl Wissenschaft als auch Glaube haben ihre Grenzen. Glaube kann nicht experimentell bewiesen oder widerlegt werden. Wissenschaft wiederum kann nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens oder dem „Warum“ der Existenz beantworten. Es bleibt die Erkenntnis das Wissenschaft und Glaube sich nicht zwingend widersprechen müssen, sondern das sie unterschiedliche Bereiche abdecken. Die Wissenschaft erklärt das „Wie“ (Funktionsweise der Natur durch Beobachtung, Experimente und Gesetze), während Glaube und Religion das „Warum“ (Sinn, Zweck, transzendente Fragen) beantwortet.
Kaum ein anderer biblischer Autor hat so sehr vernünftig für den Glauben argumentiert wie der Apostel Paulus. Er schrieb der Gemeinde von Kolossai folgende Warnung ins Stammbuch: „Gebt Acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehre verführt, die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen“ (Kolosser 2,8).
Es gibt kein Wissen ohne Glauben; der Glaube ist Vermittler aller Wissenschaft; alle Wissenschaft fängt mit Glauben an und hört damit auf. Naturwissenschaft und Glaube können zwar nebeneinander bestehen, doch lassen sie sich grundsätzlich nicht miteinander vereinbaren, da sie ihr Wissen auf unterschiedliche Weise aus der Welt beziehen.
- Die Wissenschaft konzentriert sich auf das Beobachten, Erklären und Vorhersagen von natürlichen Phänomenen mithilfe von Experimenten und logischen Schlussfolgerungen.
- Der Glaube bezieht sich auf Überzeugungen, die nicht unbedingt durch wissenschaftliche Beweise belegt werden können, sondern auf persönlichen Erfahrungen, Traditionen oder Offenbarungen basieren.
Was ist ein Beweis? Beweis wird definiert als ein Beleg, der „den Verstand dazu zwingt, eine Wahrheit oder Tatsache zu akzeptieren. Beweis in diesem Sinn bedeutet zweifelsfreien Nachweis von etwas. Die Wissenschaft nutzt den Beweis“ als Maßstab, um Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Wenn es keinen wissenschaftlichen Beweis für etwas gibt, existiert es nicht oder ist nur eine subjektive Meinung. Wissenschaftliche Theorien können aber nicht endgültig bewiesen oder bestätigt werden können, da später andere Theorien und Beobachtungen auftauchen können, die ein Phänomen besser erklären. Um unsichere Schlussfolgerungen möglichst zu vermeiden, erkennen die meisten führenden Wissenschaftler heute an, dass wissenschaftliche Erklärungen immer vorläufig sind und in der Zukunft modifiziert oder ersetzt werden können. Wissenschaftliche Theorien unterliegen ständigen Veränderungen. Charles Darwin (1809–1882) war sich dessen bewußt. Er zögerte viele Jahre, bevor er seine Evolutionstheorie veröffentlichte. Ihm war bewusst, dass die Theorie, deren Grundprinzipien er durch empirische Beobachtung belegen konnte, etliche biologische Phänomene nicht ohne Weiteres erklären konnte. Fehlen endgültige Beweise können Indizien der Wissenschaft vielleicht weiterhelfen. Allgemein gilt, dass ein Indiz mehr ist als eine Behauptung, aber immer noch weniger als ein Beweis. Indizien sind noch keine Beweise, doch wahrnehmbare Beweisanzeichen für eine Tatsache. Es sind symptomatische Merkmale, die eben diese Tatsache stützen und sie wahrscheinlicher machen.
Bei der Antwort auf die Frage ob ein Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube besteht, kann möglicherweise eine andere Frage weiterhelfen. Und zwar die grundlegendste und umstrittenste Frage der menschlichen Existenz, nämlich der Frage ob es Gott gibt. Der christliche Glaube geht davon aus, dass Gott existiert. Der Glaube benötigt keine Beweise., religiöse Erfahrungen oder entsprechende Offenbarungen , das heißt Mitteilungen göttlicher Wahrheiten oder eines göttlichen Willens auf übernatürliche Weise genügen. Die Wissenschaft hingegen braucht Beweise, doch sie kann die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen. Manche wissenschaftlichen Beweise können zwar auf die Existenz Gottes hinweisen und sie wahrscheinlicher machen, aber sie können nicht schlüssig beweisen, dass Gott existiert. Es gibt jedoch eine Menge Indizien. 4Ein Beispiel ist der Urknall. Basierend auf verschiedenen wissenschaftlichen Beobachtungen sind Physiker zu dem Schluss gekommen, dass das Universum vor etwa 14 Milliarden Jahren aus dem Nichts entstand. Das Standardmodell Urknall davon aus,dass aller Raum, Materie, Energie und Zeit plötzlich aus dem Nichts mit dem Urknall entstanden sind. Das bedeutet, dass das, was den Urknall hervorbrachte, jenseits von Raum und Zeit, immateriell, also etwas was nicht stofflich oder körperlich fassbar ist. Die unmittelbarste Frage, die jedoch angesichts aller Schlussfolgerungen weiterhin bleibt, ist: Wer oder was hat den Urknall verursacht? Einige Wissenschaftler haben alternative Szenarien vorgeschlagen, die offenbar einen absoluten Anfang des Universums vermeiden sollen. Doch keines davon war überzeugend genug, um das Standardmodell zu ersetzen. Da die Wissenschaft nicht in der Lage ist, die Frage überzeugend zu beantworten, muss der Glaube antworten. Zwar unterliegen wissenschaftliche Theorien, wie bereits erwähnt, ständigen Veränderungen, doch der Urknall nach heutigem Verständnis ist ein eindeutiges Indiz für die Existenz Gottes., eines Wesens jenseits von Raum, Materie, Energie und Zeit. Obwohl die Existenz des Universums für sich schon ein starkes Gottesindiz ist, gibt es weitere vier überzeugende Aspekte des Universums, die für die Existenz und das Wirken Gottes sprechen.
| 1) Die Stärke der Schwerkraft: Die Stärke der Schwerkraft wird durch die Gravitationskonstante (6,67428 x 10^-11 Meter im Kubik pro Kilogramm pro Sekunde zum Quadrat ) bestimmt. Wäre die Schwerkraft deutlich stärker, würden die Sterne schneller „ausbrennen“, da die Kernfusion durch den höheren Druck verstärkt wird. Es bliebe weniger Zeit für die Entwicklung von Leben. Wäre die Schwerkraft hingegen deutlich schwächer, könnten sich überhaupt keine Sterne bilden, was die Entstehung lebenswichtiger Elemente verhindern würde. |
| 2) Die kosmologische Konstante: Diese Konstante beschreibt eine Form von Energie, die im gesamten Universum vorhanden ist und dessen beschleunigte Expansion antreibt. Wäre sie nur ein wenig größer, hätte sich das Universum zu schnell ausgedehnt. Galaxien und Sterne hätten sich nicht bilden können. Wäre sie hingegen kleiner, wäre das Universum möglicherweise in sich zusammengefallen, bevor Leben entstehen konnte. |
| 3) Die starke Kernkraft: Diese Kraft bindet die Quarks im Inneren der Protonen und Neutronen aneinander und hält auch die Kernbausteine im Atomkern zusammen. Wäre sie etwas schwächer, wären die Atomkerne nicht stabil, da die Anziehungskraft zwischen den Protonen und Neutronen zu gering wäre, um ihre Abstoßung durch die elektrische Ladung zu überwinden. Dies hätte zur Folge, dass es keine stabilen Elemente gäbe und somit auch keine komplexen Atome. Ohne komplexe Atome gäbe es die für Leben notwendige chemische Vielfalt nicht. Eine stärkere Kernkrasft würde zu dichteren und stabileren Kernen führen, was wiederum die Vielfalt der Elemente und die Entstehung von Sternen und Galaxien beeinflussen würde. Leichte Elemente wie Wasserstoff, einem essentiellen Element für Leben, könnten nicht lange nicht existieren da sie schnell zu schwereren Elementen fusionieren würden. |
| 4) Größe und Entfernung der Erde von der Sonne: Die Erde befindet sich in der bewohnbaren Zone, einer Zone, in der es weder zu heiß noch zu kalt ist, sodass flüssiges Wasser auf der Oberfläche existieren kann. Die Größe der Erde gewährleistet zudem die richtige Schwerkraft für eine lebensfreundliche Atmosphäre, ohne die Mobilität von Organismen einzuschränken. |
Dann wäre da noch der Szientismus, eine Weltanschauung, die die Wissenschaft als den einzig gültigen Erkenntnisweg ansieht und die Rolle der Religion in der Gesellschaft übernehmen kann. Sie sollte den Platz der Religion sogar einnehmen. Szientismus postuliert, dass alle Fragen nur sinnvoll mit wissenschaftlichen Verfahren und Methoden zu lösen sind und dass die Wissenschaft die einzige Quelle für Wahrheit und Wissen ist. Die Methoden der exakten Naturwissenschaften müssten auch im Bereich der Geistes- wissenschaften angewendet werden. Andere Formen des Wissens oder Deutungsmodelle, wie religiöser Glaube oder Intuition, werden als unzuverlässig oder sogar als irrational abgetan. Alles, was sich mit Wissenschaft nicht beschreiben lasse, wie z. B. bestimmte Fragestellungen der Religion, Philosophie oder Psychologie, sei für wissenschaftliche Erkenntnis damit auch irrelevant. Doch das was ist, braucht keinen Beweis und das was nicht ist, kann nicht bewiesen werden. Also doch Glaube.
Die Theologie reklamiert trotz ihrer Bindung an die Religion, rationales Denken und Wissenschaftlichkeit für sich. Doch kann sie die Widersprüche zwischen den theologischen und dem naturwissenschaftlichen (empirischem) Denk- und Deutungsmodellen nicht lösen. Gängige Widersprüche wie ist der Mensch ein paar Tage oder 13,7 Milliarden Jahre nach dem Anfang der Welt entstanden? Oder kann ein Toter nach drei Tagen wiederauferstehen, bzw. beginnen nicht vielmehr schon Sekunden nach dem Tod die irreversiblen Zersetzungsprozesse? Hat Gott den Menschen erschaffen, oder ist er Produkt eines ziellos-zufälligen Evolutionsprozesses?

Gen 1,27: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Ein zwischen 1508 und 1512 geschaffenes Deckenfresko von Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle in Rom zeigt, wie Gott mit ausgestrecktem Zeigefinger Adam zum Leben erweckt. Doch Darwins Evolutionstheorie, lässt jede Lehre das Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen habe, alt aussehen. Immanuel Kant versuchte das Problem zu lösen, indem er weder dem theologischem noch dem naturwissenschaftlichem (empirischem) Denk- und Deutungsmodell einen Alleingeltungsanspruch zugesteht. Stattdessen vertraut er auf die Vernunft. In der katholischen Tradition ist die grundsätzlich positive Haltung zur Vernunft in der Regel zwar dominant. Nicht selten hat sich das Christentum aber der Vernunft gegenüber auch verschlossen. Kann es einen Konsens zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Vernuft und Glaube überhaupt geben? Entweder jemand ist rational, denkt nach und zweifelt, oder er glaubt eben einfach. Entweder man stellt als denkender Mensch radikal Fragen, oder man verliert sich in mythischer und theosophischer Metaphysik und Mystik.
Fazit: Es gibt offenkundig Berührungspunkte zwischen Naturwissenschaft und Glauben, die bis zur gegenseitigen Ergänzung führen können. Doch beide Erkenntniswelten sind begrenzt. Mit keiner der beiden Erkenntniswelten allein, mit keiner einzelnen Wissenschaft allein kann die existierende Wirklichkeit hinreichend erklärt werden. Naturwissenschaften und Glaube befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Wirklichkeit, die für sich genommen keinen berechtigten Anspruch auf die Erfassung der Gesamtwirklichkeit dieser Welt erheben können. Erst das Zusammenwirken beider Bereiche in Kenntnis ihrer jeweiligen Begrenztheit bringt ein Verstehen der Lebenswirklichkeit. Letztlich gibt es keinen Widerspruch zwischen Naturwissenschaften und Glauben. Nach neueren theologischen Auffassungen war Gott als „Schöpfer“ nicht nur am Anfang des Kosmos (als Auslöser des „Urknalls“) aktiv, sondern er ist dies dauernd in einer „creatio continua“ als Schöpfer von Neuem und Erhaltes des Bestehenden. Danach ist Gott ein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wirksamer „Weltgeist“, dessen Möglichkeiten nicht im Widerspruch zu naturwissenschaftlichem Verständnis stehen.
Seit der Antike folgt das Gottesverständnis einem bekannten Muster. Man erkennt eine Ordnung in der Welt und versucht, von ihr auf einen ersten Ordner zu schließen. Ein Argument, das von der Ordnung ausgeht und auf einen ersten Ordner schließt, bekommt mit den Naturwissenschaften ein immer stärkeres Fundament. Gottes-Argumente werden mit den Naturwissenschaften nicht widerlegt, sondern stärker.
Es gibt wissenschaftlich anerkannte orts- und zeitunabhängige und auf Naturkonstanten beruhende Regelmäßigkeiten von Naturerscheinungen, die die fundamentalen Bedingungen des Universums beschreiben und als fundamentale Gesetze bezeichnet werden:
Die fundamentalen Gesetze von Newton, auch Newtonsche Axiome genannt, sind drei Grundprinzipien der Mechanik, die Bewegung und Kräfte beschreiben: das Trägheitsprinzip (erstes Gesetz), das Aktionsprinzip (zweites Gesetz, ) und das Reaktionsprinzip (drittes Gesetz, Actio gleich Reactio). Sie erklären, dass Körper ihren Bewegungszustand beibehalten (Trägheit), beschleunigt werden, wenn eine Kraft wirkt (Kraft = Masse x Beschleunigung) und dass Kräfte immer paarweise und entgegengesetzt auftreten |
| Die fundamentalen Gesetze von Schrödinger sind die Schrödinger-Gleichung (zeitabhängig und zeitunabhängig), die das Herzstück der Quantenmechanik bildet und beschreibt, wie sich der Zustand eines Quantensystems (beschrieben durch eine Wellenfunktion ) mit der Zeit entwickelt und welche Energien möglich sind, wobei das Superpositionsprinzip (ein System kann mehrere Zustände gleichzeitig haben, bis es gemessen wird) und das Welle-Teilchen-Dualismus (Teilchen wie Elektronen haben Welleneigenschaften) zentrale Konzepte sind, die diese Gleichung untermauern |
Einsteins fundamentale Gesetze basieren auf seiner Relativitätstheorie, die aus zwei Hauptpostulaten der Speziellen Relativitätstheorie (SRT) entsteht: dem Relativitätsprinzip (die Naturgesetze sind in allen Inertialsystemen gleich) und der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (sie ist immer gleich schnell, egal wie schnell sich Quelle oder Beobachter bewegen), was zu Phänomenen wie Zeitdilatation und Längenkontraktion führt und die berühmte Formel E=mc² (Masse-Energie-Äquivalenz) begründet. Die Allgemeine Relativitätstheorie (ART) erweiterte dies und erklärte, dass Gravitation eine Krümmung der Raumzeit ist, wodurch auch die Zeit je nach Schwerkraft unterschiedlich schnell vergeht |
Doch nach allem, was was der Mensch bisher weiß, sind die Naturkonstanten nicht zwingend durch Naturgesetze festgelegt, sondern hätten auch andere Werte annehmen können. Wäre die Gravitationskraft um Beispiel ein klein bisschen größer, dann wäre das Universum kurz nach dem Urknall wieder in sich zusammengefallen. Es hätte keine Sterne gegeben – und kein Leben. Es gibt unzählig viele Varianten des Urknalls, die eine Entwicklung von Leben unmöglich gemacht hätten. Die Tatsache, dass das Universum Leben hervorbringen kann, scheint eine glückliche Ausnahme zu sein. Dies ist die Beobachtung, die als Ausgangspunkt dafür gelten kann, um mit guten Gründen auf eine absichtsvolle Planung des Kosmos zu schließen.